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Kompromiss = Der goldene Mittelweg?

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Es kommen andere Zeiten
Unsere Fragen von heute … Hiob kannte sie schon damals
Wenn die Psyche sich weigert zu glauben
Trendwender werden!
Ich bin auch ein Reichsbürger!
Judenfeindlichkeit in Deutschland
Kinderrechte
Eigentlich wollte ich Die Grünen wählen
Widersprüchlich
Gottesfurcht ohne Furcht?
Blasphemie tolerieren?
Die Realität akzeptieren
Das Unglaubliche glauben
Bewahrung!?
Warum wählen viele evangelikale Christen Trump?
Kindesmissbrauch
Covid-19 / Corona-Virus – Überlegungen eines Christen –—————————————————————————————————-

Kompromiss = Der goldene Mittelweg?

Im Juli d.J. war es soweit. Wir haben das Fest der Goldenen Hochzeit gefeiert. Einfach super, dass wir das erreicht haben. Es war ein schöner Tag. Gottes Segen, den wir bei unserer Eheschließung unter Handauflegung empfangen haben, hat sich bewährt, hat uns bewahrt.
Ich habe überlegt. Was hat dazu beigetragen, beieinander zu bleiben? Was war wichtig dafür, dass wir unsere 50 Jahre feiern konnten? Mir stand als Stichwort der Begriff KOMPROMISS vor Augen. Die nachstehenden Aspekte sind also durch unsere Erfahrung gedeckt, sind unsere Ehe-Aussage.

Die Google-Suchmaschine brachte dazu viele Ergebnisse. Einfach gesagt:
Ein Kompromiss ist eine von allen beteiligten Personen akzeptierte Lösung, zu der man durch gegenseitige Zugeständnisse gelangt.

Diese Definition gefiel mir. Sie passt auch für die beiden Partner einer Ehe. Sie passt auch zu uns. Im Gespräch, im Eintreten für das Eigene, im Hinhören auf den anderen, wird eine Lösung gefunden. Es ist eine Einigung, die zu den Personen und zu ihrer Situation passt; bei der keiner zu kurz kommt, bei der sich nicht Einer auf Kosten des Anderen durchsetzt. Manchmal kostet es beide sehr viel. Aber es lohnt sich, diesen Preis zu zahlen. Er gehört zum Lebensglück dazu.
Dabei meint die Formel Kompromiss nicht immer und überall dasselbe. Kompromisse sind vielschichtig und differenziert zu sehen. Viele Menschen denken bei diesem Wort in erster Linie an den 50:50 Kompromiss. Man einigt sich in der Mitte. Einer will 20 000 Euro für den gemeinsamen Neuwagen ausgeben. Der andere nur 10 000. Jeder gibt um 5000 nach; der eine nach unten, der andere nach oben. Das neue Auto darf 15 000 Euro kosten. Das kann eine einfache Sache sein. Das könnte aber auch schon zu einer Krise führen. Je nachdem welchen Stellenwert ein Auto für die Betreffenden hat. Und je nachdem, wie es um ihre Kompromissbereitschaft bestellt ist.
Schwieriger wird es beim 30:70 Kompromiss. Das Zahlenverhältnis steht dabei für alle ungleichen Kompromisse. Ein Ehepartner ist aktiv, initiativ, unternehmungslustig. Der andere macht gern mit, kann und will aber auf diesem Level nicht mithalten. Oder ein Ehepartner ist kreativ mit Sinn für Dekoration und Raumgestaltung. Dem anderen liegt nicht soviel daran, denn es liegt ihm nicht. Da wird es auch 10:90 Kompromisse geben. Mehr geben, weniger fordern. Nur so lässt sich Unzufriedenheit mit der eigenen Rolle und der des anderen vermeiden. Wenn jeder die Ressourcen einbringt, die ihm zur Verfügung stehen, ist die gegenseitige Akzeptanz am größten.
Einmal gefundene Kompromisse gelten nicht für immer. Keiner kann darauf beharren: „Wir haben aber abgesprochen, dass …“ Wir können uns geirrt haben. Wir können uns verändert haben. Unsere Möglichkeiten und unsere Schwierigkeiten sind nicht immer gleich. Kompromisse müssen variiert werden, der neuen Situation angepasst werden. Zu Beginn der Ehe einigen sich zwei, jeden Tag gemeinsam in der Bibel zu lesen und zu beten. Nach einigen Jahren hat einer von beiden das Bedürfnis, seine Zeit mit Gott allein zu verbringen und selber zu gestalten. Führt das zur Krise oder zu neuen Freiheitsräumen?

Echte Kompromisse sind nur da möglich, wo die Beteiligten einen klaren Standpunkt, eine feste Überzeugung haben. Für ein dauerhaftes Zusammenleben sind sowohl gemeinsame, unaufgebbare Grundwerte wichtig, als auch Freiheit und Toleranz für unverzichtbare, unterschiedliche Grundwerte. Wobei die gemeinsamen Grundwerte die Basis für die unterschiedlichen bilden.
Übrigens, was uns beiden zu Beginn unserer Ehe wichtig war und bis heute wichtig geblieben ist, kommt in unserem Trautext zum Ausdruck. Er war kein Kompromiss, sondern unsere gemeinsame Wahl: 1. Korinther 13,4-8a. Damals hatten wir die Lutherübersetzung. Heute zitiere ich ihn nach der Basisbibel:

Die Liebe ist geduldig. Gütig ist sie, die Liebe. Die Liebe ereifert sich nicht. Sie prahlt nicht und spielt sich nicht auf. Sie ist nicht unverschämt. Sie sucht nicht den eigenen Vorteil. Sie ist nicht reizbar und trägt das Böse nicht nach. Sie freut sich nicht, wenn ein Unrecht geschieht. Sie freut sich aber, wenn die Wahrheit siegt. Sie erträgt alles. Sie glaubt alles. Sie hofft alles. Sie hält allem stand. Die Liebe hört niemals auf.

Helmut und Sigrid Schwarze
06. August 2022

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Es kommen andere Zeiten …
es wird nicht wieder so, wie es einmal war. Coronapandemie, Klimawende, Ukrainekrieg – eine neue Epoche in der Weltgeschichte! Es geht jetzt immer ums Ganze. Alle sind betroffen. Keiner kann sich rausziehen. Die ganze Menschheit ist betroffen. Alle Kreaturen. Alles Leben auf unserer Erde.

Manche Christen schließen daraus: Das Ende ist nahe. Doch in den Endzeitreden Jesu lesen wir: Aber das ist noch nicht das Ende. Das alles ist erst der Anfang der Geburtswehen. (Matthäus 24,6+7) Jesus kündigt an, was wir zurzeit erleben: Kriege, Hunger, Erdbeben. Das gab es zu allen Zeiten. Die Zuspitzung besteht darin, dass das, was in einem Land geschieht, Auswirkungen auf alle Länder hat. Es geht um das Überleben der Menschheit. Ein dritter Weltkrieg ist vorstellbar geworden. Die aggressiven Töne Chinas gegenüber Taiwan lassen Schlimmes befürchten. Auch Nordkorea ist unberechenbar und will zur Atommacht aufsteigen. Und wenn in Moskau nun die Rechtmäßigkeit der litauischen Grenze in Frage gestellt wird, dann läuten bei allen Natoländern die Alarmglocken.

Wir werden auf vieles verzichten müssen, was uns heute noch selbstverständlich ist. Die Inflationsrate lag in Deutschland im Mai 2022 bei 7,9 %. Die Preise für Benzin, Diesel, Öl und Gas haben gewaltig angezogen. In anderen Ländern werden Menschen verhungern. Wegen anhaltender Dürre. Wegen dem andauernden Krieg in der Ukraine. Während für uns in Deutschland der Blick auf die Weltlage nur „zum Verzweifeln“ ist, verzweifeln in anderen Ländern die Menschen tatsächlich. Ohnmächtig und hilflos sind sie den Entscheidungen von Willkürherrschern ausgesetzt.

Unser Vermieter legte uns nahe, schon jetzt die monatlichen Vorauszahlungen für die Mietnebenkosten zu erhöhen. Denn die Steigerung der Energiekosten wird drastisch ausfallen. Auch wenn die Abrechnung für dieses Jahr erst im Herbst 2023 kommt. Es sind gigantische Preiserhöhungen zu erwarten. Viele können sich vieles nicht mehr leisten. Das vor längerer Zeit von mir rezensierte Buch: Was wir gewinnen, wenn wir verzichten von Christian Firus bleibt höchst aktuell. Der Flugverkehr wird an seine Grenze kommen. Der Tourismus wird sich verändern. Die Wirtschaft kommt ins Wanken. Die Staatsschulden steigen ins Unermessliche.

Flüchtlingsströme werden zu unserer neuen Lebenswirklichkeit gehören. Kriegs- und Bürgerkriegsflüchtlinge. Klimaflüchtlinge. Die Vereinten Nationen (UN) meldeten erstmals mehr als 100 Millionen Menschen auf der Flucht weltweit (Stand: 23. Mai 2022).- Der russische Angriff drängte in diesem Jahr acht Millionen Menschen innerhalb der Ukraine in die Flucht; sechs Millionen weitere verließen das Land. Nach Deutschland kamen bisher ca. 380 000 von ihnen. Die meisten von ihnen wurden privat aufgenommen. Auch in Gemeindehäusern und Freizeitheimen fanden sie Unterkunft. Für die Ukrainer ist die Situation anders als für die 2015 Geflüchteten. Sie dürfen visumsfrei einreisen und werden ohne Asylverfahren direkt als Flüchtlinge anerkannt.

Auch in den Kirchen wird es nicht wieder so, wie es einmal war. Die Kirchen, ihre Verantwortlichen und ihre Mitglieder, scheinen nicht zu realisieren, dass sie sich in einer Existenzkrise befinden. Der Abwärtstrend hat deutlich an Fahrt aufgenommen. Die Abwärtsspirale dreht sich: Mitgliederschwund führt zu weniger Einnahmen. Weniger Einnahmen führen dazu, dass Personal nicht mehr bezahlt werden kann. Personaleinsparungen führen zu weiterem Mitgliederschwund. Wenn denn überhaupt Personal zur Verfügung steht. Aus der katholischen Kirche in Deutschland ist der Priestermangel hinreichend bekannt. Aber das gleiche gilt ebenfalls für die evangelischen Landeskirchen, die absehbar und spätestens ab 2030 einen erheblichen Pastorenmangel haben werden. Es werden voraussichtlich rund 7.000 evangelische Theologen fehlen, d.h. mehr als ein Drittel der jetzigen Pastorenstellen. (Quelle: fowid) Auch in den Evangelisch-Freikirchlichen Gemeinden, zu denen ich gehöre, werden mehr Pastor/innen gesucht, als sich finden lassen. Allerdings brauchen etliche Gemeinden keinen Pastor mehr, weil sie sich aufgelöst haben oder kurz vor dem Aussterben sind. Schritte der Erneuerung erfolgen viel zu langsam. Die Einsicht in der Notwendigkeit der Veränderung ist nur in Ansätzen vorhanden. Entscheidungen fallen deshalb vorsichtig und absichernd, statt mutig und radikal aus. Wir sind schon tot, bevor wir merken, dass wir sterben.

Es macht mir Mut, dass unser Gemeindebund den Gemeinden einen Revitalisierungsprozess anbietet, über zwei Jahre hin, begleitet von einem geistlichem Coach. Auch die Ortsgemeinde, zu der ich gehöre, will sich darauf einlassen. Eine gesellschaftliche Krise bietet immer auch die Chance, dass Menschen wieder nach Gott fragen, suchen, sich auf spirituelle Angebote einlassen. Nur die offiziellen Kirchen werden wenig davon ernten. (Siehe dazu in Kürze die Rezension: Glaube Ja, Kirche nein? Von Julian Sengelmann) Denken wir mal komplett anders! Kirche ohne Gebäude, ohne bezahltes Personal, ohne eingeschriebene Mitgliedschaft, ohne Konfessionen. Denken wir mal Kirche in unterschiedlichen, flexiblen Gemeinschaftsformaten, mit Bildungs- und Erfahrungsangeboten für alle, getragen durch alle dazu Befähigten und Berufenen, Kirche in Häusern, in der Natur oder in Stadien, in Bussen, Bahnen und auf Schiffen. Ökumenisch, biblisch, als Nachfolger/innen Jesu. Mit Demonstrationen und Mahnwachen, diakonisch und bekennend. Kirche muss nicht hier und da etwas anders werden. Sie muss sich umfassend, grundlegend und total verändern.

Ich will Gottes Wort ernst nehmen, das Wort an das Volk Israel damals auf die Kirche von heute beziehen. Ich sehe Jesaja 43,18+19 als wegweisend an:

Gedenkt nicht an das Frühere und achtet nicht auf das Vorige! (Luther 1984)
Schaut nach vorne, denn ich will etwas Neues tun! Es hat schon begonnen, habt ihr es noch nicht gemerkt? (Hoffnung für alle)

Helmut Schwarze
25. Juni 2022

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Unsere Fragen von heute … Hiob kannte sie schon damals

Als wenn er über den Krieg in der Ukraine und die grausame Zerstörung Mariupols schreibt lese ich in Hiob 24,12:
In der Stadt stöhnen die Sterbenden. Menschen werden umgebracht, laut schreien sie um Hilfe, doch Gott zieht die Mörder nicht zur Rechenschaft!
(Übersetzung: Hoffnung für alle)
Die armen Stadtbewohner klagen laut, das Röcheln der Verletzten schreit zum Himmel, doch Gott beachtet all den Wahnsinn nicht!
(Übersetzung: Gute Nachricht Bibel)

Gott, ein liebender Vater? Gott, eine tröstende Mutter? Es gibt Zeiten, da nähren solche Vorstellungen eher unsere Zweifel, als unsere Zuversicht. Jedenfalls mir geht es so, wenn ich an die Menschen denke, die durch Bomben zerfetzt oder auf der Flucht erschossen werden. Wasser und Lebensmittel werden knapp. Putin will die Menschen verdursten und verhungern lassen.

Das Buch Hiob spricht vom Satan, der im Hintergrund die Fäden zieht. Der Böse! Und es scheint zu jeder Zeit der Weltgeschichte Satane in Menschengestalt zu geben, die Millionen und Abermillionen von Menschen den Tod bringen.

Da fällt es mir schwer, zu glauben, dass jedes Haar auf meinem Kopf gezählt ist (Matthäus 10,30), dass Gott mich von allen Seiten umgibt und seine Hand über mir hält (Psalm 139,5), dass ER mein Hirte ist, und es mir an nichts fehlen wird (Psalm 23,1). Dennoch halte ich mich an das Wort Jesu: Selig sind, die nicht sehen und doch glauben! (Johannes 20,29)

Mir helfen dabei drei Einsichten.

1. Das Buch Hiob endet damit, dass Hiobs Leid ein Ende findet, dass er neu Kindersegen und materiellen Reichtum erfährt, später dann alt und lebenssatt stirbt. Ich schließe daraus: Die Zeiten können sich wieder ändern. Selbst nach Jahren und Jahrzehnten bitterer Not, kann es eine Wende zum Guten geben. Es kann eine Lebensphase kommen, in der Glück und Erfüllung wieder möglich sind.

2. Zwei „Ich-bin-Worte“ Jesu bekommen für mich angesichts des Leidens in dieser Welt große Bedeutung.

Jesus sagt: Ich bin der gute Hirte. Der gute Hirte opfert sein Leben für die Schafe. (Johannes 10,11. Neues Leben Bibel.) Er verheißt keinen absoluten Schutz. Die Wölfe stürzen sich auf ihn und töten ihn. Dennoch gilt, in einer anderen, ganz realen, aber unsichtbaren Dimension: Die Verbindung zu Jesus bleibt. Niemand wird uns aus seiner Hand reißen. (Johannes 10,28. Basisbibel.) Nicht Gewalt, sondern Hingabe ist die Lösung.

Jesus sagt: Ich bin die Auferstehung und das Leben! Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt. Und wer lebt und an mich glaubt, wird in Ewigkeit nicht von Gott getrennt. (Johannes 11,25+26. Basisbibel.) Die Hoffnung über den Tod hinaus ist für den, der glaubt, echter und wirksamer Trost. Für den, der nicht glaubt, erscheint sie als illusorische Vertröstung.

3. Bei allen Fragen, Zweifeln und Überlegungen gehört zur Grundeinsicht des christlichen Glaubens, dass Gott Gott ist und der Mensch Mensch ist. Unsere Gotteserkenntnis ist und bleibt Stückwerk. … Denn ich bin Gott und kein Mensch. Ich bin der Heilige in deiner Mitte. Ich lasse mich nicht vom Zorn hinreißen. (Hosea 11,9. Basisbibel) Gott ist anders, fremd, unbegreiflich. Nicht nur; aber auch. Er kommt mir manchmal fern vor, manchmal auch hart, auch tatenlos. Ich akzeptiere, dass ich ihn oftmals nicht verstehe.

Heilig, heilig, heilig ist der Gott, der Herr, der Allmächtige – er, der war und der ist und der kommt. (Offenbarung 4, 8 b. Basisbibel.)

Helmut Schwarze
22.03.2022

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Wenn die Psyche sich weigert zu glauben …

Es kann nicht sein, dass Christen mehr Probleme damit haben, dass ihnen Krankheit und Leid widerfährt, dass sie Misshandlung und Grausamkeit an sich selbst oder an anderen erleben, als Menschen, die nicht an Gott glauben. Da stimmt irgendetwas nicht im System.

Es ist weder die Regel, dass Gott psychische Befindlichkeiten unmittelbar verändert, noch trifft das auf körperliche Krankheiten zu. Das heißt: Ob Christ oder nicht: Jeder muss sich den Realitäten dieser Welt stellen. Jeder muss versuchen, damit fertig zu werden, möglichst sinnvoll damit umzugehen, möglichst konstruktiv und positiv darauf zu reagieren. Resilienz ist dazu das Modewort, ein Therapieansatz unserer Zeit. Es geht dabei um psychische Widerstandskraft; die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Wenn ich mich dann zusätzlich zu dem eigentlichen Problem noch damit beschäftige, ob Gott dass gewollt, zugelassen oder veranlasst hat, ob es eine Strafe sei oder eine Prüfung, warum Gott das nicht verhindert hat, dann bürde ich mir zu der drückenden Bürde noch weitere Lasten auf.

Meines Erachtens scheitern manche Christen deshalb, weil sie unrealistische Erwartungen an Gott haben. Ihr Glaube ist psychisch verankert. Werden die Enttäuschungen zu groß oder halten sie zulange an, wird der Glaube als unwirksam erlebt und verliert für den Betreffenden seine Bedeutung. So kann ein Burnout zum Aus für den Glauben werden. Ein Dauerkonflikt, eine chronische Krankheit, eine permanente Konfrontation mit Leid kann uns seelisch überfordern. Bei manchen Menschen wirkt sich das so aus, dass sie nicht mehr glauben können.

Unbedingt erforderlich ist deshalb, geistliche Wirklichkeiten und psychische Befindlichkeiten strikt zu unterscheiden. Sonst besteht stets die Gefahr des Scheiterns. Ob jemand Tabletten nimmt gegen körperliche Gebrechen oder zur seelischen Stabilisierung, ist keine Frage von schwachem oder starkem Glauben, sondern eine medizinische bzw. therapeutische Frage.

Zwar wird sich in der Regel die geistliche Wirklichkeit auf die psychische Befindlichkeit auswirken. Aber nicht immer ist das der Fall. Und wenn es der Fall ist, ist das nicht immer positiv. Es gibt den krankmachenden Glauben. Es gibt, Gott sei Dank, auch den heilenden Glauben und Glaubensheilungen.

Gottes Existenz und unser Glaube an Ihn kann nicht abhängig sein von unserem Erleben und unseren Erfahrungen. Gott ist! Und: Gott ist da! Gott, der von sich sagt: Ich bin, der ich bin! (2. Mose 3,14) begegnet, wirkt Glauben, hält uns und hält zu uns, vollendet uns. Das müssen wir nicht machen. Konzentrieren wir uns darauf, unser Leben zu bewältigen. Helfen wir anderen dabei, ihr Leben zu bewältigen. Gott ist so anders, so unbegreiflich, manchmal so nah, bewegend spürbar, manchmal so unendlich fern, als gäbe es ihn nicht. Der Beter des Psalms 139 hatte das schon erkannt: „Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand. Am Ende bin ich noch immer bei Dir.“ (139,17+18)

07.01.2022
Helmut Schwarze

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Trendwender werden!

Neulich ging ich in eine christliche Buchhandlung und wollte ein Buch über eine aktuelle Erweckung irgendwo auf dieser Welt finden.

Erweckung im Sinne der Erweckungsbewegung meint ein einschneidendes subjektives Erlebnis des plötzlichen Ergriffenseins durch Gott, was zu einer radikalen Kehrtwende im Leben und zur völligen Hingabe an Gott führen kann. Von Erweckung ist insbesondere die Rede, wenn das Phänomen dieses Erlebnisses nicht nur singulär auftritt, sondern eine Gruppe von Personen oder eine ganze Region erfasst wird. Heute werden vergleichbare kollektive Ereignisse meist eher „Geistlicher Aufbruch“ genannt. (Wikipedia)

Es gab nichts! Nach langem Suchen fand ich ein Buch, das über erweckliche Aufbrüche, Heilungen, Wunder, Befreiung von Dämonen in Ländern Afrikas berichtete. Doch bei meinen privaten Recherchen habe ich bisher niemanden gefunden, der den Autor kannte. Es würde mich freuen, wenn ich die von ihm berichteten Gotteserfahrungen bestätigt finden würde.- Ich bin inzwischen in einem Alter, in dem man sich an früher erinnert. Da las ich Bücher wie: „Ruf aus Indonesien“, „Koreas Beter“, Die Erweckung in Kanada“, „Gott unter den Zulus“. Tausende kamen zum Glauben. Heilungswunder wurden aus vielen Teilen der Welt berichtet, z.T. auch nachgeprüft und beglaubigt. Ist diese Zeit zu Ende? In der Zeit der Jesus-people-Bewegung habe ich einmal selbst erlebt, dass sich Menschen reihenweise für Jesus entschieden, schneller, als wir Gespräche führen und mit ihnen beten konnten. Gibt es heutzutage keine größeren geistlichen Bewegungen mehr?

In Deutschland nimmt der christliche Glaube ab. Jedenfalls wenn man es statistisch sieht und an der Kirchenzugehörigkeit festmacht.
Die römisch-katholische Kirche hatte Ende 2020 rund 22,2 Millionen Mitglieder (26,7 % der Gesamtbevölkerung), die evangelischen Kirchen der EKD hatten rund 20,2 Millionen Mitglieder (24,3 %). Zählt man Orthodoxe (letzte Angabe: rund 1,5 Millionen) und Mitglieder anderer christlicher Gemeinschaften (rund 900.000) dazu, liegt der Anteil der Christen 2020 bei 54 Prozent. Und das mit stark abnehmender Tendenz. Wobei mir bewusst ist, dass Kirchenzugehörigkeit nicht bedeutet, dass jemand gläubig ist, und dass es viele Menschen gibt, die gläubig sind und keiner Kirche angehören.
Ich selbst bin Baptist. Die Gemeinde, in der ich Mitglied bin, gehört zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden (BEFG). Wie es dort aussieht? Zum Stichtag 31. Dezember 2020 gehörten 794 Gemeinden mit 77.685 Mitgliedern zum BEFG. Damit verzeichnet dieser Bund einen Rückgang von 2.510 Mitgliedern (3,1 Prozent), der zu einem großen Teil darauf zurückzuführen ist, dass sich im „Corona-Jahr 2020“ weniger Menschen den Gemeinden anschlossen, während sich die Abgänge auf dem Niveau der Vorjahre bewegten. Diese Erklärung, die sachlich objektiv gesehen stimmt, erklärt aber nicht den nach 2017 einsetzenden Abwärtstrend. Sie berücksichtigt auch nicht, dass wir uns zahlenmäßig nur deshalb einigermaßen halten konnten, weil sich viele Flüchtlinge, besonders aus dem Iran und aus Afghanistan, taufen ließen. In den Jahren zuvor gab es jeweils ein minimales Wachstum. Warum? Wo liegen die Ursachen dafür, dass die Mitgliederzahl unsers Bundes stagniert, erst leicht und jetzt rasant rückläufig ist? Es gibt ja auch uns verwandte Freikirchen, die seit Jahren wachsen; manche sogar sehr deutlich.

Und dann gibt es heutzutage auch Entwicklungen, die man in meiner Jugendzeit (1965ff) für ausgeschlossen hielt: Dass Moslems in großer Zahl Christen werden. Einzelne ja; aber schon das sei ein besonderes Wunder. Dass heute Tausende Iraner Christen werden, das viele Afghanen Christen werden, wer hätte das erwartet oder prophezeit? Und dass viele Moslems von Visionen berichten, von Erscheinungen Jesu, von einem übernatürlichen persönlichen Ruf Jesu, ohne dass die Bibel oder andere Menschen im Spiel waren, lässt mich Staunen.

Was uns von der Urgemeinde berichtet wird, ist auch heute noch möglich: Da beteten alle gemeinsam zu Gott (Apostelgeschichte 4,24a) … Als sie geendet hatten, bebte die Erde an ihrem Versammlungsort. Alle wurden vom Heiligen Geist erfüllt und verkündeten die Botschaft Gottes ohne Furcht. (4,31) Geistliche Bewegung ist möglich! Aufbruch ist möglich! Auch im großen Stil. Auch so, dass viele Christen ihre Ängste und Bedenken verlieren. Aus Bedenkenträgern können Hoffnungsträger werden. Wer die Apostelgeschichte weiterliest erfährt, dass anschließend weitere tausende Menschen Christen wurden. In Blick auf unsere Erwartungen an Gott ist uns nicht geboten, klein zu denken, zurückhaltend zu sein. Mir gefiel schon immer die Übersetzung von Joel 2,21 in der alten Lutherbibel gut (Ausgabe von 1963): Fürchte dich nicht, liebes Land, sondern sei fröhlich und getrost, denn der Herr kann auch große Dinge tun. Coronapandemie hin oder her. Gott kann, wenn er will … und wenn WIR wollen.

Es könnte viel mehr geschehen, wenn ein inneres Brennen da wäre und eine Bereitschaft zur Veränderung. Viele Gemeindeglieder haben sich daran gewöhnt, zu konsumieren. Aufnehmen, beurteilen, abschalten. Geistliches Leben wird darin gesehen, dass man bestimmte Versammlungen mehr oder minder regelmäßig besucht, aber nicht darin, dass man sich gemeinsam mit anderen in eine Sendung hineingestellt sieht. Das hat tiefere Ursachen und ist keineswegs durch Appelle, Motivierung, Schulung, Training oder Beratung zu beseitigen. In geradezu ´unendlicher` Wiederkehr wird aber genau das versucht. Der Schaden liegt tiefer und ist so nicht zu heilen. Programme und Methoden können diese Mentalität nicht ändern und führen allzu oft bei den Leitenden zu Enttäuschung und Frustration.Die Pandemie hat Absetzbewegungen beschleunigt: Menschen merkten in der gottesdienstfreien Zeit, dass sie auch ohne Gemeinde leben können. Andere fühlten sich in der kontaktarmen Zeit nicht ausreichend wahrgenommen und wendeten sich ab.

Wenn der schleichende Niedergang von maßgeblichen Personen unseres Bundes mit den Worten kommentiert wird: Diese Entwicklung macht uns nachdenklich … Es gibt keinen Grund zur Resignation … Dann ist mir das viel zu wenig. Seit Jahren und Jahrzehnten wird so reagiert. Auch in den großen Kirchen. So kommen wir nicht weiter. Wir sollten uns aufregen, aufschreien, uns aufbäumen. Eine Lösung, eine Trendwende kann es nur durch radikale Umkehr, Buße, Veränderung, Neuanfang geben. Gedacht, geschrieben, geordnet, bewahrt wurde lange genug.

„Dir geschehe, wie du geglaubt hast!“ sagt Jesus. (Matthäus 8,13) Das gilt auch heute noch. Wir sind aufgerufen, an eine Trendwende zu glauben, an Umkehr und Aufbruch. Trendwender/innen könnten sich verbindlich verbinden, sich ermutigen und unterstützen auf einem Weg bergauf. Ich gebe das Gebet um Erweckung nicht auf.

Helmut Schwarze 25.10.2021

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Ich bin auch ein Reichsbürger!

Ich bin Bürger im Reich Gottes. Das ist kein irdisches Reich. Es ist unsichtbar. Nicht angewiesen auf Fake News, grölende Sprechchöre, Drohungen oder Gewalt. Das Reich Gottes ist wie ein Same, den der Bauer in die Erde wirft. Der Same geht auf und wächst. Das Reich Gottes setzt sich durch. Ich weiß nicht, wie Gott das schafft. Ich bin aber überzeugt, dass er es schafft. Inmitten dieser Welt. In der Bibel kann man das im Markusevangelium 4,26-29 nachlesen.

Reichsbürger nennen sich in unserem Land Menschen, die die Existenz der Bundesrepublik Deutschland als legitimer und souveräner Staat bestreiten und deren Rechtsordnung ablehnen. (Wikipedia) Zu ihnen gehöre ich nicht! Oftsmals weigern sie sich Steuern oder Bußgelder zu bezahlen oder Gerichtsbeschlüsse und Verwaltungsmaßnahmen zu befolgen. Ich befasse mich mit Querdenkern, Coronaleugnern, Reichsbürgern und einem selbsternannten König, weil sie unsere Demokratie verächtlich machen, bekämpfen und damit gefährden. Sie sind eine Gefahr für unsere Gesellschaft. Sie machen Täuschung und Lüge zum Prinzip. Und es gibt schon viel zu viele von ihnen. Fake News werden verbreitet. So werden manipulativ vorgetäuschte Nachrichten bezeichnet, die sich überwiegend im Internet, insbesondere in sozialen Netzwerken verbreiten. Die Bibel bedenkt ein solches Vorgehen mit „Weherufen“. Wehe, d.h.: Es wird dir schlecht ergehen, wenn du dich so verhältst! Wehe, das ist ein dramatische Warnung. Gott warnt. Ihn sollte keiner unterschätzen. Über ihn sollte sich keiner täuschen. Es heißt im biblischen Buch Jesaja 5,20+21:

20 Wehe denen, die Böses gut und Gutes böse nennen, die Finsternis als Licht bezeichnen und Licht als Finsternis, die Saures für süß erklären und Süßes für sauer. 21 Wehe denen, die sich selbst für klug und verständig halten!
Verharmlosung ist eine Methode derer, die sich und anderen mit Verschwö-rungsmythen die Welt erklären. Verharmlost wird das Coronavirus, der Klimawandel, der Holocaust. Und ich vermute: Wer eine Epoche mit Millionen von Opfern mit einem Vogelschiss vergleicht, würde auch in Zukunft über Leichen gehen.

Man sollte diese Problematik zum Gesprächsthema machen. Nach jeder Demonstration der Querdenker oder Coronaleugner sollte das im Bekannten- und Freundeskreis thematisiert werden. Ich rechne nicht damit, dass Parteien aus diesem Spektrum an die Macht kommen. Allerdings lehrt die Geschichte, dass auch große Bewegungen klein anfangen. Seid wachsam! Achtsamkeit nicht nur für sich selbst, sondern auch für das, was sich in anderen und um uns herum regt und bewegt. Für ein: Wehret den Anfängen! ist es schon zu spät.

Allerdings dürfen wir gespannt sein, was passiert, wenn die Coronapandemie hinter uns liegt. Irgendwann werden die Maßnahmen gegen Corona aufgehoben werden. Das Feindbild zerbricht. Wird die Protestbewegung dann zerfallen, zumindest erheblich schrumpfen? Oder wird sie sich ein anderes Thema suchen. Falls der Regierungswechsel eine Partei an die Macht bringt, die um des Klimas willen Einschränkungen verfügt, wäre ein neues Thema gegeben. Die Leugnung des Klimawandels hat ja immer noch viele Anhänger.

Helmut Schwarze 03.09.2021

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Judenfeindlichkeit in Deutschland –

Was können wir dagegen tun?

Diese Frage ist nicht rhetorisch gemeint. Ich erbitte Eure Ideen, Vorschläge und Gedanken dazu. Es geht mir hier nicht darum, was die Politik oder die staatlichen Behörden tun können. Was kann ich als Einzelperson tun?

Denn es geht mir unter die Haut, wenn in aller Öffentlichkeit Sprechchöre Juden niedermachen und mit dem Tod bedrohen. Bei einer Vielzahl von Corona-Demonstrationen kamen insbesondere antisemitische Verschwörungsmythen sowie Verharmlosungen des Holocaust zum Ausdruck. Viele Juden in Deutschland erleben Anfeindungen und Beschimpfungen im Alltag. Viele sagen, dass sie sich fremd im eigenen Land fühlen.

Antisemitismus prägte 2020 den Alltag von Juden in Deutschland. Das macht der neue Antisemitismusbericht deutlich. Im Jahr 2020 wurden insgesamt 1.909 antisemitische Vorfälle registriert. Dabei handelte es sich um einen Fall extremer Gewalt, 39 Angriffe, 167 gezielte Sachbeschädigungen, 96 Bedrohungen, 1.449 Fälle verletzendes Verhalten sowie 157 antisemitische Massenzuschriften. Von den dokumentierten antisemitischen Vorfällen waren 677 Einzelpersonen und 679 Institutionen betroffen.

„Antisemitismus ist Judenhass und Judenfeindlichkeit, die sich aus unterschiedlichen Motivationen und Überzeugungen speist und immer wieder von Verschwörungsmythen verstärkt wird. Deshalb ist es leider nicht möglich, nur rational dagegen vorzugehen.“ erklärt Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Friedrich-Naumann-Stiftung und Antisemitismusbeauftragte des Landes Nordrhein-Westfalen.

Der Angriff auf die Synagoge in Halle im Oktober 2019, ein Sprengsatz vor der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora in Thüringen im Januar 2020, Steinwürfe auf die Neue Synagoge in Essen im November 2020 – diese Vorfälle sind lediglich die Spitze eines Eisberges, unter dessen Oberfläche sich eine Vielzahl von Angriffen und Anschlägen auf Juden sowie jüdische und israelische Einrichtungen in Deutschland summieren. Hinzu kommt eine Vielzahl von verbalen Beleidigungen gegenüber jüdischen Mitbürgern, Verwüstungen und Schändungen jüdischer Friedhöfe und anderes mehr.

Für mich selbst habe ich erkannt: Ich brauche persönlichen Kontakt zu einem Juden! Sonst bleiben die Informationen aus den Medien theoretisches Wissen. Ich muss selbst emotional berührt werden, um in Bewegung zu kommen. Ich versuche zurzeit Kontakt zu einem Juden zu bekommen. Und ich habe vor, eine Synagoge im näheren Umkreis aufzusuchen.

Als Pastor im Ruhestand predige ich hier und dort. Am 08. Augsut 2021 bin ich im Albertinenhaus, einem Seniorenzentrum in Hamburg-Schnelsen, dran. Das ist der Israelsonntag, ein Sonntag im Kirchenjahr der Evangelischen Kirche in Deutschland, der das Verhältnis von Christen und Juden zum Thema hat. Anhand von Ester 3 will ich das Thema „Antisemitismus“ aufgreifen. Ich will dann auch auf das von mir rezensierte Buch hinweisen: „Nicht ohne meine Kippa“ (Autor: Levi Israel Ufferfilge).

Im Internet fand ich bei der Amadeu-Antonio-Stiftung folgende Anregungen zu meiner Frage: Was kann ich gegen Antisemitismus tun?

Benennen und widersprechen

Bei jedem antisemitischen Vorfall, ob strafrechtlich relevant oder nicht, gilt es, diesen als solchen zu benennen. Bei antisemitischen Vorfällen im öffentlichen Raum können Sie Flugblätter oder Leser*innenbriefe verfassen. Ob im eigenen Verein, im Gespräch mit Nachbar*innen oder politischen Funktionär*innen: Bei Positionierungen, die Sie als falsch oder gar menschenverachtend erachten, gilt es zu widersprechen. Nicht immer geht es darum, den oder die Gegenüber zu überzeugen. Wichtiger ist oft, gegenüber Umstehenden, die unsicher sind, deutliche Positionierungen, gute Argumente und eine klare Haltung zu zeigen. Gesellschaftlicher Zusammenhalt und demokratisches Miteinander sollten in den Vordergrund gerückt werden. Das gilt auch für den digitalen Bereich.

Siehe:

Dem stimme ich voll zu.

Und wie denkst Du darüber?

Helmut Schwarze

19. Juli 2021

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Kinderrechte

Meine beiden neuesten Buchrezensionen stehen in direktem Zusammenhang zu meiner Kolumne. Millionen von Kindern werden sexuell missbraucht, als Arbeitssklaven gefangen gehalten, als Kindersoldaten mit Gewalt zur Gewalt gezwungen, für ihr Leben traumatisiert. Mit der UN-Kinderrechtskonvention, die am 26. Januar 1990 von der Bundesrepublik Deutschland unterzeichnet wurde, sollte all diesen Missständen weltweit gewehrt werden. Zuletzt sah der Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung erstmalig und eindeutig die Verankerung der Kinderrechte im Deutschen Grundgesetz vor. Leider ist die vereinbarte Verankerung von Kinderrechten im Grundgesetz für diese Legislaturperiode gescheitert. Im Grundsatz einig, blieb die große Koalition bei der Ausformulierung zerstritten. Sehr, sehr bedauerlich.

Erfreulicherweise kam wenigstens das Lieferkettengesetz.

Mindeststandards bei der Herstellung und Weitergabe von Produkten, wie z.B. das Verbot von Zwangs- und Kinderarbeit, müssen von den Firmen, die diese Güter verkaufen, eingehalten werden. 79 Millionen Kinder arbeiten weltweit unter ausbeuterischen Bedingungen: in Textilfabriken, Steinbrüchen, auf Kaffeeplantagen und in anderen Bereichen. Die Unternehmen in Deutschland müssen nun Sorge dafür tragen, dass in ihren Lieferketten die Menschenrechte eingehalten werden. Ein Gesetz mit dem offiziellen Namen: Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz wurde vom Bundestag am 11. Juni 2021 verabschiedet.

Kinderrechte ins Grundgesetz! Ich bin dafür!

Jedes Kind hat das Recht auf Achtung und Schutz, von Anfang an.

Doch um den Anfang, um den Zeitpunkt, wann der Schutz einsetzen muss, haben wir keinen gesellschaftlichen Konsens. Es fehlt außerdem die Übereinstimmung in der Überzeugung, dass es gut wäre, wenn die biologischen Eltern auch die gemeinsame Verantwortung für das von ihnen gezeugte Kind übernehmen. Es werden einerseits zu viele ungewollte Kinder gezeugt, andererseits zu viele Kinder zur Selbstbeglückung gezeugt. Kinder werden hin und her geschoben. Die Selbstbestimmung der Erwachsenen rangiert meist weit über dem Kindesrecht.

Ich möchte zur Diskussion stellen, ob zu den Kinderrechten nicht auch gehört:

These 1:
Jedes Kind, das geboren werden kann, hat das Recht, geboren zu werden.

These 2:
Jedes Kind hat bei seiner Geburt das Recht auf einen Vater und eine Mutter.

H.S. 18.06.2021

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Eigentlich wollte ich Die Grünen wählen

Eigentlich wollte ich im Herbst bei der Bundestagswahl die Grünen wählen. Es ist auch jetzt nicht ausgeschlossen, dass ich das tun werde. Denn Klimaschutz, die Rettung unserer Umwelt, das Überleben jetziger und zukünftiger Generationen, weiß ich bei dieser Partei am besten aufgehoben.

Doch dass kein/e prominente/r Grüne/r sich traut für den Schutz des ungeborenen Lebens einzutreten, bringt mich in schwere Gewissenskonflikte. >Mein Körper, meine Entscheidung< steht auf einem Transparent während einer Demonstration vor dem Brandenburger Tor in Berlin. »Für uns Grüne ist klar, im Zentrum einer Regelung von Schwangerschaftsabbrüchen muss die Selbstbestimmung von Frauen und gebärfähigen Menschen stehen«, sagte die frauenpolitische Sprecherin der Grünen, Ulle Schauws, dem SPIEGEL. Aber fängt die Selbstbestimmung über meinen Körper nicht da an, wo ich mich entscheide, mit jemandem zu schlafen? >Mein Sex – meine Entscheidung< ! Ohne Sex, keine Schwangerschaft. Die Vermeidung einer Schwangerschaft gehört zur Freiheit jeder Frau und jedes Mannes. Schwangerschaftsverhütung gehört zu unseren Freiheitsrechten, aber auch zu unserer Verantwortung. Schon 1988 habe ich dieses Thema in einem Vortrag für Christen herausgestellt. Kein anderer meiner Vorträge hat eine so weite Verbreitung gefunden. Meine Geschlechtsorgane gehören mir! Was ich damit tue, muss ich selbst entscheiden und verantworten. Oder ist man bei den Grünen der Überzeugung: Sexualität ist nicht beherrschbar? Das wäre fatal; besonders, wenn wir an das Thema Pädophilie denken.

Laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden gab es im Jahr 2020 in Deutschland 99948 Schwangerschaftsabbrüche. Indikationen aus medizinischen Gründen und aufgrund von Sexualdelikten waren in 4 % der Fälle die Begründung für den Abbruch. 96 % der im Jahr 2020 gemeldeten Abbrüche wurden nach der sogenannten Beratungsregelung vorgenommen. Es geht mir ausschließlich um diesen Bereich: Die sogenannte soziale Indikation. Warum kommt es zu so vielen unerwarteten und ungewollten Schwangerschaften? Soweit es an den Kosten für Verhütungsmitteln liegt, bin ich voll auf der Seite der Grünen. Bei Bedarf sollte eine kostenlose Abgabe möglich sein. Aber egal, ob jemand in einer festen Beziehung lebt oder seine Sexualpartner häufig wechselt, immer muss er selbst entscheiden und dafür Sorge tragen, wie er das Risiko einer ungewollten Schwangerschaft ausschalten will. Als letzte Absicherung die Möglichkeit zu wählen: >Notfalls kann ich ja noch abtreiben<, kann keine Option sein.

Ich habe sehr stark den Eindruck, dass diese Position bei den Grünen ein Tabu darstellt. Augen zu und … bums. Das kann es doch nicht sein.

Wir handeln jetzt, um eine spätere Katastrophe zu vermeiden. Wieso gilt das nur für die Umwelt, aber nicht für den Schutz derer, die von einer ungewollten Schwangerschaft betroffen sind? Und wenn jemand nicht wagt, das ungeborene Leben als schutzwürdig zu bezeichnen, wie soll ich dem vertrauen, wenn es um das Überleben der Menschheit geht?

Helmut Schwarze
14. Mai 2021

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Widersprüchlich

Mir fällt auf, dass manche Gemeindemitglieder nicht namentlich in einem Gemeindeverzeichnis aufgeführt werden wollen. Warum nicht? Sie gehören doch dazu!

Befürchten sie, dass andere Zeiten kommen? Vielleicht eine Christenverfolgung? Oder ängstigt sie der Gedanke, auf eine Todesliste islamistischer Fanatiker zu geraten? Oder ist es eine diffuse Angst vor Datenmissbrauch? Jedenfalls ist es eine vorbeugende Vermeidungshaltung, um mögliche Nachteile auszuschließen.

Warum gehen nur wenige freikirchliche Christen auf Demonstrationen? Weil diese ausarten können? Weil es möglicherweise zu Gewalt kommt? Oder weil das eigene Anliegen von linken oder rechten Gruppierungen missbraucht werden könnte? Oder haben sie den Eindruck: Das nützt sowieso nichts.

Überhaupt sind öffentliche Stellungnahmen oder Proteste aus unseren Reihen selten. Eine Gemeinde könnte doch z.B. eine Mahnwand herstellen, auf der alle antisemitischen Vorfälle in Deutschland eingetragen werden. Es könnte Stellungnahmen auf der Homepage der Gemeinde geben. Oder in den sozialen Netzwerken. Auch eine Fackelnacht zur Problematik: Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) wäre möglich. Doch nichts davon geschieht. Man kann sich freuen, wenn aktuelle Ereignisse in das sonntägliche Fürbittengebet aufgenommen werden.

Ich habe den Eindruck, dass freikirchliche Christen eher eine Hasenmentalität kennzeichnet, als Löweneigenschaften. Angsthasen! In der Bibel ist von Hasen zwar wenig zu lesen. Löwen kommen dafür an über zwanzig Stellen vor. Jesus Christus ist Lamm und Löwe zugleich. Wo sind die Menschen mit Löwenmut?

Sie scheint es in säkularen Kreisen eher zu geben, als in christlichen. Die Menschen, die in Hongkong, Belarus oder Myanmar auf die Straße gehen, riskieren viel, wenn es um Mitbestimmung und Freiheitsrechte geht.

Fromme Menschen meinen:
Wer Gott fürchtet, verliert alle Menschenfurcht. Da mag etwas dran sein. Durchgängig stimmt es aber nicht. Jedenfalls trifft es auf etliche, die sich für fromm halten, nicht zu. Da gibt es viele Ängstliche, viele Bedenkenträger. Was könnte passieren, wenn … Was könnte man in der Öffentlichkeit über uns denken … Bloß nichts falsch machen. Deshalb bekommt auch jeder, der sich vorwagt, gleich eines auf den Deckel. Er wird gedeckelt. Sein Elan wird gezähmt. Ist die Gemeinde eine Ansammlung zahmer Kuscheltiere? Was würde geschehen, wenn Mutmenschen in der Überzahl wären und das Zepter in die Hand nehmen würden? Wo sind unter uns die Glaubenshelden, wie sie Hebräer 11 aufgezählt werden? Die wie Mose vorangehen. Von ihm heißt es: Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. (11,27)

Etwas wagen – experimentieren – ausprobieren – ein Risiko eingehen. Was ist denn nun mit Glaubenswagnissen? Petrus wagt es, auf dem Wasser zu gehen.

Die Corona-Pandemie fördert Ängstlichkeit. Überall sollen wir uns vorsehen. Distanz halten. Uns regelkonform verhalten. Bleibt Zuhause! Wenn wir das verinnerlichen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ehemalige treue Gottesdienstbesucher auch dann noch Zuhause bleiben, wenn Präsenz-gottesdienste wieder die Regel sind.

Nun kann ich als pensionierter Pastor gut reden. Ich sehe mich selbst nicht als Held. Aber ein Ermutiger möchte ich sein. Wie es wohl schon in meinem Namen steckt: Helmut = Heller Mut. Jahrelang habe ich Briefe für die Freilassung religiös oder politisch Verfolgter geschrieben. Und ich war fantasievoll genug, dass mir die Frage kam: Hat mich jetzt der Geheimdienst dieses Landes auf dem Radar? Ab und zu habe ich erlebt, dass ein Gefangener, für den viele andere und auch ich sich eingesetzt hatten, frei kam. Eine große Freude. Hin und wieder war ich auf einer Demonstration. Gegen Atomkraft. Gegen Fluglärm. Für Jesus, auf sogenannten Jesusmärschen. Als Jugendlicher bin ich so mit vielen anderen über die Reeperbahn gezogen. Aber als leuchtendes Vorbild kann ich mich nicht präsentieren. Vielleicht als einer, der versucht, seine Ängste zu überwinden, aktiv zu werden, sich auch öffentlich zu äußern. Ich wundere mich, dass ich noch nie gehört habe, dass eine Gemeinde sich mit einer Stellungnahme an den Petitionsausschuss des Bundestages gewandt hat. Als Studenten während meiner Ausbildung war uns diese Möglichkeit geläufig. Und wir haben sie genutzt.

Worte der Bibel motivieren mich. Das Wort Jesu erscheint mir so hart, dass ich es nur schwer aushalte und überlegt habe, ob ich es zitieren soll. Doch wenn ich iranische Christen berichten höre, wenn sie erzählen, warum sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind, dann merke ich: Hier geht es um eine tiefere Wirklichkeit, eine Realität, die wir nicht ausblenden dürfen. Wer von Gott überwältigt ist, wer in Jesus das Heil gefunden hat, der will das um keinen Preis wieder aufgeben. Der geht aufs Ganze; selbst auf die Gefahr hin, das Leben zu verlieren. Er weiß von dem wahren Leben, der inneren Zugehörigkeit zu Gott, dem ewigen Leben.

Deshalb motivieren mich die nachstehenden Bibelworte:
5. Mose 1,29
Ich sprach euch Mut zu und sagte: Habt doch keine Angst vor ihnen! (Gute Nachricht Bibel)
Sprüche 29,25
Die Menschen zu fürchten ist eine gefährliche Falle, wer aber auf den Herrn vertraut, lebt unter seinem Schutz. (Neues Leben Bibel)
Matthäus 10,28
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! (Einheitsübersetzung)

Ich möchte diese Worte beherzigen. Ich möchte den Widerspruch in mir überwinden, dass ich es nicht immer schaffe, so zu handeln, wie ich es an sich möchte.

17. April 2021
Helmut Schwarze

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Gottesfurcht ohne Furcht?

Bist du gottesfürchtig?
Wenn ja: Wie kam es dazu?
Wenn nein: Warum bist du es nicht?

Natürlich weiß ich, dass sich die Frage nicht so einfach mit Ja oder Nein beantworten lässt. Aber es macht Sinn, sich Rechenschaft über den eigenen Standort zu geben.

Im Internet fand ich unter www.bibelstudium.de folgende Definition:
Gottesfurcht ist die Hochachtung vor der Größe und Autorität Gottes und das tiefe Bewusstsein seiner Heiligkeit verbunden mit dem Wunsch, ein Leben zu führen, das die völlige Zustimmung Gottes findet und seinen Willen und seine Ehre über alles zu stellen.

Meine Beobachtung ist: Die Angst vor Gott hat uns verlassen – die Gottes-furcht aber auch. Ich finde es ganz wichtig, keine Angst vor Gott zu haben. Aber: Kann es Gottesfurcht ohne Furcht geben? Wir erklären das Wort Gottesfurcht mit: Ehrfurcht, Respekt, Achtung. Doch wo finden wir sie? Wie kommt sie zum Ausdruck? Manchmal wird in Gottesdiensten gesungen: Voll Ehrfurcht stehen wir vor dir, aus Gnade dürfen wir uns nah’n, voll Ehrfurcht stehn wir hier und beten an. Doch alle bleiben sitzen. So wirklich ergriffen scheint niemand zu sein. Das war früher auch nicht anders, als wir sangen: Gott ist gegenwärtig, lasset uns anbeten, und in Ehrfurcht vor ihn treten. Ein wenig Erschauern, aber es blieb gemütlich.

Die Kunst scheint darin zu liegen:
Gott zu fürchten, ohne sich vor ihm zu fürchten.

Meines Erachtens ist das dann der Fall, wenn wir in besonderem Maße von Gott beeindruckt und ergriffen sind. Gott kommt mir so nahe, dass ich wie von selbst auf die Knie falle. Ich habe solche Momente erlebt; selten, aber eindrücklich. Meist sind solche Momente verbunden mit einer überwältigenden Gotteserfahrung; sowohl in Momenten der Buße, als auch in Momenten besonderen Glücks. Bei der sogenannten Verklärung Jesu passierte so etwas. Drei Freunde Jesu hörten eine himmlische Stimme. Dann wird berichtet: Als die drei Jünger das hörten, warfen sie sich nieder und fürchteten sich sehr. (Matthäus 17,6)

Für mich steht fest: Gottesfurcht entsteht durch Gottesbegegnung. Sie widerfährt, ist weder planbar noch machbar. Wenn Menschen behaupten: Ich finde Gott in der Natur!, dann verwechseln sie in der Regel etwas. Die Schönheit eines Sonnenaufgangs oder -untergangs kann uns faszinieren, andächtig stimmen, dankbar und demütig werden lassen. Aber das ist nicht dasselbe wie eine Gottesbegegnung. Gott kann in der Natur begegnen. Aber das ist kein Selbstläufer. Auch ekstatische oder visionäre Erfahrungen oder besondere Erkenntnisse oder Einweihung in tiefere Geheimnisse führen nicht zur Gottesfurcht. Selbst Leid und Krankheit nicht. Die Corona-Pandemie hat zwar zu mehr Ängsten, aber nicht zu mehr Gottesfurcht geführt. In allem kann uns Gott begegnen. Aber diese Erfahrung ist nicht machbar. Und sie bleibt immer eine Glaubenserfahrung. Sie überzeugt uns subjektiv. Ist anderen aber nicht zugänglich.

Ehrfurcht vor Gott ist unverzichtbar. In ihr gründet die Ehrfurcht vor dem Leben und die Achtung der Menschenwürde. Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis. (Sprüche 1,7 Lutherbibel 1984) Die Ehrfurcht, mit der man dem Herrn begegnet, steht am Anfang von allem Wissen. (Basisbibel 2021) Sie ist für unser Leben grundlegend.

Wie kann ich diese Haltung einnehmen? Ist sie mir mitgegeben oder aufgegeben? Wenn sie in der Begegnung mit Gott entsteht, hat sie dort ihren Ursprung. Das bedeutet auch: In jedem Menschen, der Christ geworden ist, der den Heiligen Geist empfangen hat, ist Gottesfurcht angelegt, vorhanden. Sie kann aber überlagert werden, in den Hintergrund treten, durch persönliche Interessen, Ansichten oder Verhaltensweisen deaktiviert, also außer Kraft gesetzt werden. Wie erwecke ich die angstfreie Gottesfurcht in mir?

Wer die Erfahrung der Beichte gemacht hat, der weiß, das Sündenbekenntnis und Vergebungszuspruch der Gottesbeziehung eine große Klarheit und Intensität verleihen. Der Beichtende spürt etwas von der Heiligkeit Gottes. Dass Gott annimmt und vergibt empfindet er als so besonders und so entlastend, dass er Dankbarkeit und Bewunderung für Gott empfindet, eine Hochachtung vor Gott, eben: Gottesfurcht.

Wer für Lieder und für Musik besonders ansprechbar ist, kann bei den schon zitierten Liedern Gottes Gegenwart und Heiligkeit besonders spüren. Sie führen ihn in die Tiefendimension seiner Seele, dort wo ein Bewusstsein für die Einzigartigkeit und Großartigkeit Gottes sein alltägliches Leben speist. Gottesfurcht wird real und erlebbar, wenn ich Liedtexte selbst singe und sie durch Gebetsgesten körperlich ausdrücke.

Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten und in Ehrfurcht vor ihn treten. (Ich stehe. Ich trete vor.) Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge. (Ich verbeuge mich vor Gott und verharre eine Weile schweigend.) Wer ihn kennt, wer ihn nennt, schlag die Augen nieder; kommt, ergebt euch wieder.(Ich schließe die Augen.) Ich bete still in meinen Gedanken: Herr, auf Dich baue ich; auf Dich traue ich; auf Dich schaue ich.

Auch Meditation, Bildbetrachtung, kreatives Malen oder Tonen und das Gebärdengebet können Gottesfurcht in uns lebendig werden lassen. Es ist das Glück über den, der war und ist und immer sein wird: Gott, Schöpfer Himmels und der Erden. Und natürlich will ich so leben, wie er es will, wie er es für mich vorgesehen hat. Denn etwas Besseres gibt es für mich nicht.

08. März 2021 Helmut Schwarze

Über Stellungnahmen, Kommentare, Erfahrungen, andere Meinungen würde ich mich freuen!

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Blasphemie tolerieren?

Wie denkst du eigentlich über die Mohammed-Karikaturen? Schreib doch darüber mal was. So sagte jemand zu mir. Nachstehend meine Stellungnahme.
Als Mohammed-Karikaturen wurde eine am 30. September 2005 in der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten unter dem Namen Das Gesicht Mohammeds erschienene Serie von zwölf Karikaturen bekannt, die den islamischen Propheten und Religionsstifter Mohammed zum Thema haben.
Hier wurde nicht Gott gelästert. Aber die Gründerpersönlichkeit des Islam, Mohammed, der den Muslimen hoch und heilig ist, wurde lächerlich gemacht und verspottet.
Ist das erlaubt? Darf das sein?
Wir wissen um die Wut und Empörung in der muslimischen Welt. Wir erinnern uns an den Terroranschlag auf das Redaktionsbüro der Satirezeitschrift Charlie Hebdo im Januar 2015. Zwölf Menschen wurden dabei ermordet. Im Oktober 2020 wurde auch der französische Lehrer, Samuel Paty, Opfer eines islamistisch motivierten Attentäters. Er hatte im Unterricht das Thema Meinungsfreiheit behandelt und dabei die Mohammed-Karikaturen als Beispiel herangezogen. Warum viele Muslime so emotional auf die Mohammed-Karikaturen reagieren, sollten wir uns von Muslimen selbst erklären lassen. Das ist wichtig zu verstehen, aber hier nicht das Thema.
In Deutschland gilt seit 1969 der sogenannte Blasphemie-Paragraf. Es ist der Paragraf 166 (STGB) und lautet:
Beschimpfung von Bekenntnissen, Religionsgesellschaften und Weltanschauungsvereinigungen
(1) Wer öffentlich oder durch Verbreiten eines Inhalts den Inhalt des religiösen oder weltanschaulichen Bekenntnisses anderer in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer öffentlich oder durch Verbreiten eines Inhalts eine im Inland bestehende Kirche oder andere Religionsgesellschaft oder Weltanschauungsvereinigung, ihre Einrichtungen oder Gebräuche in einer Weise beschimpft, die geeignet ist, den öffentlichen Frieden zu stören.
Das strafrechtliche „Schutzgut“ ist also der öffentliche Frieden. Es ist Sache der Gerichte zu klären, ob der öffentliche Frieden durch bestimmte Veröffentlichungen in Wort oder Bild gestört wird. Der Maßstab ist das Gesetz, die deutsche Rechtsordnung, nicht die Schriften und Überzeugungen der Kirchen, Religionen oder Ideologien. Das bekannte Bibelwort aus Römer 13,1 behält auch hier seine Bedeutung: „Jeder Mensch soll sich den staatlichen Behörden unterordnen.“
Unser Gesetz bestraft Gotteslästerung nicht. Auch nicht die Verhöhnung Jesu. Es schmerzt mich, wenn ich erlebe, dass manche Personen, Gruppen oder die Medien respektlos, diffamierend oder gezielt zweideutig über Gott und Jesus sprechen oder ihn bildlich darstellen. Aber meine Reaktion kann nicht anders sein, als die, die Jesus uns vorgelebt hat. Er betet für seine Feinde. Er segnet die, die ihn verfolgen. Beleidigung, Spott, ja Hass, kann für mich als Christen nie ein Grund sein, mit Wut, Hass oder Gewalt zu reagieren. Liebe ist die einzige Antwort, der ich innerlich folgen und zustimmen kann. Gott muss nicht von uns verteidigt werden. Er ist stark genug, das selbst zu tun. „Mein ist die Rache!“ bedeutet doch: Überlasst mir, wie ich reagiere. Ich werde damit schon fertig. (Römer 12,19) Ich halte auch das für wahr, was Paulus Galater 6,7 schreibt: „Täuscht euch nicht! Gott lässt keinen Spott mit sich treiben. Denn was der Mensch sät, das wird er auch ernten.“ Für mich gelten immer noch die zehn Gebote. Im dritten Gebot heißt es: „Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht missbrauchen! Denn wer das tut, den wird der Herr bestrafen.“ (2. Mose 20,7) Doch es kann nicht darum gehen, Gottes Gebote zur deutschen Gesetzgebung zu machen. Die Gesetzgebung ist eine Vereinbarung der unterschiedlichen Menschen und Meinungen, die in unserem Staat vertreten sind.
Auch wenn ich ein Faible für Humor und Ironie, Kabarrett und Satire, habe, gilt für mich bei allen Äußerungen die sogenannte Goldene Regel: >Geht so mit anderen um, wie die anderen mit euch umgehen sollen.< (Wort Jesu; Bergpredigt; Matthäus 7,12) Natürlich würde ich mir wünschen, dass alle das so sehen und sich daran halten. Gleiches Recht für alle. Ist das nicht schon im Artikel 1 unseres Grundgesetzes enthalten: „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“?

Zusammenfassung:
1. Für mich als Christ ist es nicht akzeptabel, Personen, Ansichten oder Glaubensinhalte anderer Menschen herabzuwürdigen oder lächerlich zu machen.
2. Angriffe auf meinen Glauben, auf Gott oder Jesus Christus, beantworte ich nicht mit Gegenangriffen und nicht mit Gewalt. Meine Antwort ist: Fürbitte und Segnung. Wenn möglich: Liebe!
3. Das Recht auf freie Meinungsäußerung, auch auf Kritik und Satire, gilt für alle. Es findet Maß und Grenze durch unsere Gesetzgebung.
4. Einschüchterung, Androhung von Gewalt und Ausübung von Gewalt gegenüber Menschen, die andere Meinungen, politische Überzeugungen oder religiöse Ansichten vertreten, ist absolut inakzeptabel. Religionsfreiheit und Meinungsfreiheit sind unverzichtbare Güter in einer freiheitlich demokratischen Gesellschaft.

H.S. 21.02.2021

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Die Realität akzeptieren

Die Unfähigkeit die Realität so anzunehmen, wie sie ist, ist eine Ursache dafür, dass Menschen sich selbst oder anderen Schaden zufügen. Sie verweigern sich, sie werden gewalttätig, sie fliehen in eine Scheinwelt. Weil nicht sein kann, was nicht sein darf, kann nur das sein, was auch sein soll. Wenn der Mensch keine andere Wirklichkeit mehr wahrnehmen kann als die, die er für wirklich hält, ist er in einem Wahn gefangen. Jeder Wahn wirkt sich zerstörerisch aus.

Welcher Schaden entsteht, wenn jemand sich weigert, die Realität anzuerkennen, wird an Donald Trump deutlich. Schon vor der Wahl verkündete er, dass er die Wahl nicht verlieren kann. Folglich kann eine Wahlniederlage nur eine Wahlfälschung sein. Konsequenterweise wird dann zum Kampf gegen diejenigen aufgerufen, die die Fälschung als echt anerkennen. >Auf zum Sturm auf das Kapitol.<

In Deutschland verweigern sich Querdenker und Coronaleugner der Realität einer lebensbedrohlichen Pandemie. Selbst 41577 Tote in Deutschland (RKI: 12.01.2021) bewirken keine Änderung ihrer Sicht und ihrer Einstellung. Das Festhalten an der Illusion dient ihnen als Selbstschutz. Es wird manchmal dem Betroffenen selbst zum Verhängnis. Aber er gefährdet auch andere. Da wird es kriminell.

Der Papst hat in seiner Enzyklika „Fratelli tutti“ konstatiert: Die Erde gehört allen Menschen! Psalm 115,16 bestätigt diese Auffassung. Dort heißt es: Der Himmel gehört dem Herrn allein, doch die Erde hat er den Menschen gegeben. Wenn das stimmt, wenn das Fakt ist, welche umwälzenden Folgerungen hätte das? Flüchtlinge aufzunehmen wäre nicht nur eine Möglichkeit, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Rohstoffe der Erde würden allen Menschen zugute kommen. Der Regenwald dürfte nicht aufgrund von Partikularinteressen abgeholzt werden. Die Ausbeutung der Erde und der Klimawandel wären ein Problem aller Menschen. Nationales Denken müsste globalem Denken Platz machen.

Im privaten Bereich bedeutet ein unerfüllter Kinderwunsch eine enorme Herausforderung. Kann ich das annehmen, dass ich kein Kind habe? Wie schwer ist es und fällt es, Kinderlosigkeit anzunehmen!? Umgekehrt: Wie schwer fällt es in anderen Situationen, ein Kind anzunehmen!? Aber wieso sollte das eigene Lebensglück davon abhängig sein, dass ich ein Kind oder dass ich kein Kind habe?

Die Unfähigkeit, Lebensumstände und Lebenssituationen anzunehmen und konstruktiv zu gestalten, ist ein schwerwiegendes Manko, das die eigene und die Lebenserfüllung anderer maßgeblich beeinträchtigt. Etwas annehmen. Etwas geschehen lassen. Sich fügen. Sich ergeben. Wer ist dazu noch in der Lage? Es geht um Akzeptanz: die Bereitschaft und die Fähigkeit das Leben mit seinen konkreten Lebensumständen so anzunehmen, wie es ist. Akzeptieren! Das bedeutet: Annehmen, anerkennen, einwilligen, hinnehmen, billigen, mit jemandem oder etwas einverstanden sein. Akzeptanz bedeutet nicht, sich mit etwas abzufinden und in einer Opferrolle, einer Haltung von Widerstand und Konformität niederzulassen. Resignation und Abwehr sind oft Ursache für Stress und Frust. Die Realität zu akzeptieren fällt oft schwer, ist aber die Basis für wirkungsvolles Handeln. Eine solche Haltung ist notwendig, wenn wir vor einem Problem stehen, das eben nicht gelöst werden kann, eine Situation eben nicht veränderbar ist. Niederlagen annehmen. Unerreichte Ziele annehmen. Scheitern annehmen. Ich denke an meine Kindheit. Die Klavierschüler meiner Klavier-lehrerin geben ein Konzert. Ich bin allein auf der Bühne. Meine Sonatine wird ein einziges Fiasko. Danach eine artige Verbeugung vor dem Publikum. Ich denke an meine Jugend. Führerscheinprüfung. Ich bin so aufgeregt, dass mir die Knie zittern. Dreimal falle ich durch die Prüfung. Ein vorläufiges Aus für die nächsten Jahre. Jetzt, in älteren Jahren, leide ich unter einer Hörminderung. Ich bin schwerhörig, brauche Hörgeräte. Ich bin behindert. Das fühlt sich nicht gut an. Immer wieder das Ja dazu finden. Annehmen. Voll und ganz. Ohne wenn und aber. Es gibt keine neuen Ohren. In der Regel auch kein Wunder, welches die Altersschwerhörigkeit beseitigt. Diese Art der Akzeptanz lässt sich auch mit dem Begriff Ergebenheit beschreiben. Im spirituellen Zusammenhang bedeutet Ergebenheit, dass jemand Gottvertrauen hat. Er glaubt und ist überzeugt, dass sein Leben einen Sinn hat und dass alle Ereignisse seines Lebens dazu beitragen können, sich selbst und diesen Sinn zu entwickeln. Ob dieses Urvertrauen, dass schon alles seinen Sinn haben wird, früher stärker ausgeprägt war? In solchen Situationen hat das sogenannte Gelassenheitsgebet viele Freunde gefunden. Es lautet: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge zu akzeptieren, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden.“ Es geht auf den amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr zurück.

Der Glaube an Gott kann helfen, Tatsachen anzuerkennen, die Wirklichkeit so zu sehen, wie sie ist. Wenn ich stattdessen glaube, dass mein Leben von Zufällen abhängig, einem willkürlich waltendem Schicksal ausgeliefert ist, werde ich eher geneigt sein, aussichtslose Kämpfe zu führen, mich in Illusionen zu flüchten, Wunschdenken für die Wahrheit zu halten. Allerdings muss man dieser Einstellung zugute halten: Selbsttäuschung steigert die subjektive empfundene Lebensqualität. Und mancher stirbt an seiner Illusion, so dass für ihn die Illusion niemals auffliegt. Tragisch wird es dann, wenn die Scheinwirklichkeit zerbricht und der Betreffende die Wahrheit nicht aushalten kann. Mancher hat deshalb Schluss gemacht. Sein Leben beendet. Es ist tragisch, wenn alles keinen Sinn mehr macht. In vorchristlicher Zeit wird in der Hiobgeschichte diese Problematik reflektiert. Unermessliches Leid bricht über Hiob herein. Seine Frau rät ihm: Sag dich von Gott los und stirb! (Hiob 2,9) Doch Hiob antwortet: Haben wir Gutes von Gott empfangen und sollten das Schlechte nicht auch annehmen? (Hiob 2,10) Darum geht es, zu einer Haltung zu finden, die Leben möglich macht, die Leben lebenswert macht, die nicht verzweifeln lässt, die sich – vielleicht nach langem Kampf – mit den schlimmsten Widerfahrnissen versöhnen kann, die so Fluch in Segen wandeln kann. Dietrich Bonhoeffer bringt diese Haltung in einem Gebet zum Ausdruck: Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen. Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage soviel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen.

H.S. im Januar 2021

Das Unglaubliche glauben

Was zu Weihnachten gefeiert wird, ist so ungewöhnlich, außergewöhnlich, unfassbar, unerklärlich, wunderhaft und wunderbar, dass viele Menschen das nicht glauben können. Verstehe ich es doch selber nicht. Verständlich, dass Weihnachten deshalb in gewisser Hinsicht oberflächlich bleibt. Es wird eine Tradition gepflegt. Wir haben bestimmte Bräuche. Doch der eigentliche Sinn ist in den Hintergrund getreten. Glühweinstände fehlen dieses Jahr. Und die Weihnachtsmärkte. Karussells für Kinder. Große Familienfeiern. Reisen. Kirchgängern fehlt natürlich das Singen. Das alljährliche, von Herzen gesungene: O du fröhliche. Allerdings ist in diesem Jahr die Weihnachtszeit auch nicht fröhlich. Eher deprimierend. Bis heute (18.12.2020) 24938 Corona-Todesfälle in Deutschland.

Das Unglaubliche an Jesu Geburt ist nicht die Jungfrauengeburt. Wenn ich glauben kann, dass Gott Mensch wird, dass er in Jesus Christus in einzigartiger und einmaliger Weise präsent wird, dass Jesus Christus Gottes Sohn ist, dann ist eine Jungfrauengeburt für mich kein Glaubensproblem mehr. Ob man daran glauben muss, lasse ich mal dahingestellt. Ich für mich nehme es so an, wie es uns überliefert wird. Dass Jesus gelebt hat, ist nach den Maßstäben der historischen Forschung eine Tatsache. Verschwörungstheorien von Atheisten oder Anti-Christen ändern daran nichts.

Ich glaube an Gott. Ich begreife ihn nicht. Das macht mir Probleme. Ich vertraue ihm dennoch.- Gott ist Geist. (Johannes 4,24) Ein personales, geistiges Wesen. Ein Gegenüber. Ein Du. Vielmehr weiß ich nicht. Doch, auf jeden Fall noch das: Gott ist Liebe. (1. Johannes 4,16) Aber nun nicht so, dass Liebe Gott wäre, dass Gott sozusagen das Prinzip Liebe ist, darin aufgeht und damit auch verschwindet.

Eine Wahrnehmung hat mich aufgewühlt. Es gibt etliche Christen, auch Pastoren, die im Laufe ihres Lebens und ihrer Entwicklung ihren persönlichen Glauben verloren oder bewusst aufgegeben haben. Es ist absolut nicht selbstverständlich, dass sich Menschen, wenn sie alt werden, einen persönlichen Glauben bewahren und lebendig erhalten können. Die Aussage: Meinen Kinderglauben habe ich schon längst hinter mir gelassen, bedeutet nicht immer, dass jemand im Glauben gereift ist, dass er zu einem vertieften Glaubensverständnis gefunden hat. Oftmals heißt das schlicht: Ich kann nicht mehr glauben. Gott ist mir ungewiss geworden. Ich muss letztlich selbst mit meinem Leben fertig werden. Manche ehemaligen Christen meinen sogar, in esoterischen oder säkularen Weisheiten ein höheres Wissen gefunden zu haben. Es ist nicht einfach, zu glauben, wenn der Verstand an seine Grenzen stößt. Aber es nicht so, dass unser Glaube erst da anfängt, wo unser Erkennen aufhört.

Die Bibel ist eine ausgezeichnete Quelle, um in diesen Überlegungen Orientierung zu finden. Schon der weise König Salomo, der vor ca. 3000 Jahren lebte, wusste: Der Himmel und aller Himmel Himmel können Gott nicht fassen. (1. Könige 8,27) Auch der menschliche Verstand nicht. Aber wir können beten, ihn ansprechen. Gott hört!- Hiob kommt nach unendlichen Leiderfahrungen zu dem Schluss: Herr, ich erkenne, dass du alles zu tun vermagst; nichts und niemand kann deinen Plan vereiteln. Du hast gefragt: ›Wer bist du, dass du meine Weisheit anzweifelst mit Worten ohne Verstand?‹ Ja, es ist wahr: Ich habe von Dingen geredet, die ich nicht begreife, sie sind zu hoch für mich und übersteigen meinen Verstand. (Hiob 42,2+3)- In Fragen, Zweifeln, Unbegreiflichkeiten des Lebens finde ich Verständnis bei den Psalmbetern. Sie beten mir aus dem Herzen: Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. (139,6) Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken. Wie ist ihre Summe so groß. Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als Sand. Am Ende bin ich noch immer bei dir. (139,17+18) Unbegreiflich ist, wie er regiert. (147,5) Der Beter wird demütig: HERR, mein Herz ist nicht hoffärtig, und meine Augen sind nicht stolz. Ich gehe nicht um mit großen Dingen, die mir zu wunderbar sind. Fürwahr, meine Seele ist still und ruhig geworden; wie ein kleines Kind bei seiner Mutter, wie ein kleines Kind, so ist meine Seele in mir. (131,1+2) Bekannt sind die Worte des Propheten Jesaja: Denn meine Gedanken sind nicht eure Gedanken, und eure Wege sind nicht meine Wege, spricht der HERR, sondern so viel der Himmel höher ist als die Erde, so sind auch meine Wege höher als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken. (55,8+9) Auch Jesus weiß darum, dass unser menschliches Erkennen begrenzt ist. Wir sind auf Offenbarung angewiesen sind. Wir lesen Matthäus 11,25: Zu der Zeit betete Jesus: »Mein Vater, Herr über Himmel und Erde! Ich preise dich, dass du die Wahrheit über dein Reich vor den Klugen und Gebildeten verborgen und sie den Unwissenden enthüllt hast.

Wenn Jesus der ist, in dem wir Gott im Original sehen, dann weisen mir die Weisen aus dem Morgenland den Weisheitsweg. In Matthäus 2 wird berichtet, dass sie zu Jesus kommen, vor ihm niederfallen, ihn anbeten, ihn beschenken. (2,11) Ob es nun Astronomen oder Astrologen waren, Magier oder Weise, Könige oder sonstige Prominente, ob die Geschichte historisch oder symbolisch zu verstehen ist: Glauben bedeutet, zu Jesus zu kommen. Wir stoßen bei Jesus auf ein Geheimnis, auf ein Wunder, auf ein Mysterium. Wir haben es mit einer anderen Dimension zu tun. Außerirdisch. Überirdisch. Himmlisch. Es geht bei Weihnachten um die Fähigkeit, sich zu wundern, staunen zu können, sich überraschen zu lassen. Es geht um menschliche Demut und um göttliche Verehrung. Und darum, nicht auszuweichen, sondern dranzubleiben, wenn wir keinen Zugang dazu finden. „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ (Offenbarung 3,20) Jesus, der Anklopfende, macht uns Mut, zu bitten, zu suchen, ebenfalls anzuklopfen. (Matthäus 7,7). Dann kann sich ein Wunder ereignen; Begegnung mit Jesus, Gemeinschaft mit Ihm. Etwas Besseres kann uns nicht passieren.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern/Leserinnen gesegnete Weihnachten.
Helmut Schwarze
H.S. im Dezember 2020

Bewahrung!?

Baptisten, Mennoniten, Pfingstler u.a. sorgten für kostenlose Öffentlichkeitsarbeit. Sie kamen in die Presse, weil sie zu einem Corona-Hotspot (Ort mit hohem Infektionsausbruch) geworden waren.

Singen, sich umarmen, gemeinsam Abendmahl feiern kann dem Virus den Weg in unseren Körper bahnen. Vorsichtsmaßnahmen, Hygieneregeln, gelten für alle, ob Christen oder nicht.

Natürlich gibt es Bewahrung. Als persönliche Erfahrung. Mir fallen sofort drei Situationen aus dem Straßenverkehr ein, in denen ich im Auto vor einem schweren Unfall bewahrt blieb.

Als Bewahrung bezeichnen wir etwas, das nicht gekommen ist, obwohl es an sich zu erwarten war. Etwas Negatives, Schlimmes, ist nicht eingetreten. Wir hätten uns nicht gewundert, wenn es passiert wäre. Stattdessen wundern wir uns nun, dass es nicht geschehen ist.

Warum ist das Unglück nicht eingetreten?

Der wissenschaftlich orientierte Mensch versucht zu erklären. Vielleicht findet er eine Ursache. Wenn nicht, kann er behaupten, dass es sich um ein Phänomen handelt, dass wir heute noch nicht kennen. Andere Mitmenschen sprechen einfach von Zufall. Glück gehabt. Kommt immer wieder vor. Mal hat man Glück. Mal hat man Pech. Ist halt so. Als gläubiger Mensch bringe ich alle Ereignisse in Bezug zu Gott. Ich bekenne: Gott hat mich bewahrt. Ich danke Gott dafür.

Aber wie gehen wir als Christen mit der Spannung um:

Gott kann vor allem bewahren. Er kann aber auch alles zulassen. Alles, was passiert, kann auch Christen passieren. Wir leben nicht unter einem übernatürlichen Schutzschirm.

Oder doch? In mir sträubt sich etwas, wenn ich das schreibe. Mir fallen so viele Bibelworte ein, die etwas anderes sagen. Da berichten Menschen über Lebenserfahrungen, über Schutz und Rettung. Das haben sie erlebt. Für sie sind das Erfahrungen mit Gott. Und mir fallen die Worte Jesu ein, dass kein Spatz vom Himmel fällt, wenn Gott es nicht zulässt, dass alle Haare auf unserem Kopf gezählt sind (Matthäus 10,29-31), und dass wir Gott viel wichtiger sind als die Spatzen. Der Herr behütet dich, heißt es Psalm 121,5. Wenn auch tausend fallen zu deiner Seite und zehntausend zu deiner Rechten, so wird es doch dich nicht treffen, verheißt Psalm 91,7. Tatsächlich gibt es auch genau das Gegenteil. Mitten in einer Menschenmenge vom Blitz getroffen. Tausende blieben verschont. Den Einen hat es getroffen. Wie gehen wir mit diesen Widersprüchen um? Wie können wir dennoch vertrauensvoll glauben?

Die biblischen Leitlinien haben bei mir zu der folgenden Lebenseinstellung geführt:

1. Planung, Vorsorge und Absicherung sind für mich wichtig, sinnvoll und normal. Meine Wohnungstür hat ein normales Sicherheitsschloss. Ich habe sowohl eine Hausratsversicherung, als auch eine private Haftpflichtversicherung.

Ich habe ein Faible für handfeste Bibelstellen wie:

Sprüche 13,16: Der Kluge tut alles mit Vorbedacht. (Zürcher Bibel)

Prediger 9,10: Alles, was dir vor die Hände kommt, es zu tun mit deiner Kraft, das tu. (Luther Bibel 1984)

Lukas 14,28: Wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und rechnet, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen? (Einheitsübersetzung)

2. Wenn Gott nicht bewahrt, hilft, eingreift, ist alle menschliche Vorsorge und Absicherung umsonst. Unser Leben ist und bleibt unsicher, ungesichert. Wir haben es nie vollständig im Griff. Die Corona-Pandemie macht nur sichtbar, was auch ohne sie jederzeit gilt: Jeder von uns kann urplötzlich von einer lebensbedrohlichen Krankheit heimgesucht werden. Jeder von uns kann von heute auf morgen sterben. Wenn der Herr nicht das Haus baut … wenn der Herr nicht die Stadt behütet … (Psalm 127,1); wenn der Herr uns nicht vor der Krankheit bewahrt, sind alle Vorsorgemaßnahmen umsonst.

3. Gott lässt die Sonne für Böse und Gute aufgehen und sendet Regen für die Gerechten wie für die Ungerechten. (Matthäus 5,45) Bewahrung ist keine Frage von Strafe oder Belohnung. In Lukas 13,1-5 nimmt Jesus Stellung zu einem Attentat im Tempel und zum Einsturz eines Turmes. Er macht deutlich, dass die Opfer nicht besser oder schlechter waren als andere Menschen.

4. Dennoch lassen sich weder die Psalmbeter noch die ersten Christen davon abbringen, dass Gott wen, wann und wo er will schützen, bewahren und erretten kann. Sie halten an der Gewissheit fest: Gott kann den Einzelnen bewahren, auch wenn alle um ihn herum der Katastrophe zum Opfer fallen. (Psalm 91,7) In jedem Krieg erleben Menschen das. Ebenso bei Naturkatastrophen. Auch im Krankenhaus. Der Überlebende, wenn er Christ ist, sieht Gott am Werk. Ihm verdankt er seine Rettung.

5. Bei allen Überlegungen hin und her, eines bleibt: Das Grundvertrauen zu Gott. Ihm bin ich wichtig. Er sorgt für mich. Auch in Corona-Zeiten. Mir sind die Worte Jesu sehr wichtig: Hört auf, euch Sorgen zu machen (Matthäus 6,31). Lebt in unbeschwerter Leichtigkeit, wie die Vögel. Entfaltet die Schönheit des Lebens, so wie die Pracht der Lilien. Euer himmlischer Vater kennt eure Bedürfnisse (6,32). Jesus hatte ein absolutes Vertrauen zu Gott, seinem himmlischen Vater. In dieses Vertrauen will er uns hineinnehmen. Damit will er uns beschenken. Das Grundvertrauen zu Gott ist nicht dasselbe wie das Urvertrauen ins Leben. Es ist die Geborgenheit in der Gewissheit: Da ist ein großes Du, das mich liebt. Da ist jemand, der mich auch im Tod nicht preisgibt, sondern mich hindurch führt ins ewige Leben. Darauf verlasse ich mich.

H.S. 10.11.2020

Warum wählen viele evangelikale Christen Trump?

(Achtung! Meine Kolumnen sind persönliche Sichtweisen und Stellungnahmen, keine wissenschaftlichen Untersuchungen oder vor Ort recherchierte Ergebnisse!)

Mit den evangelikalen Christen meine ich Christen, die ein sehr enges Bibelverständnis haben. Sie vertreten oftmals die Lehre von der Verbalinspiration der Bibel, verstehen die Schöpfungserzählungen als Tatsachenberichte und neigen insgesamt zu einer wortwörtlichen Schriftauslegung.

Das treibt mich und andere Christen in Deutschland um:

Warum wählten so viele ernsthafte Christen in den USA Trump zum Präsidenten? Warum wollen viele von ihnen es am 3. November wieder tun?

Einen Mann, der sein Geld in der Vergangenheit mit Kasinos verdiente. Der zweimal geschieden ist und in eine Affäre rund um einen Porno-Star verwickelt war. Der seine Steuerunterlagen nicht offen legen will. Dem bis Mitte Juli dieses Jahres (2020) von der Washington Post über 20.000 Lügen nachgewiesen wurden. Der sich von Rechtsradikalen und Rassisten nicht eindeutig abgrenzt. Der an der mexikanischen Grenze Kinder von ihren Eltern trennen ließ.

80 Millionen US-Amerikaner bezeichnen sich selbst als Evangelikale. Sie halten sich für besonders bibeltreu. 2016 wählten 81 Prozent der weißen Evangelikalen Donald Trump. Viele von ihnen wollen in diesem Jahr für eine zweite Amtszeit stimmen.

Warum???

Allgemeine Ursachen sind:

Es gab viele Wähler, die nicht unbedingt für Trump waren, aber auf keinen Fall Hillary Clinton wollten.

Hauptsächlich weiße Evangelikale haben Trump gewählt. Sie stehen für einen weißen christlichen Nationalismus und vertreten: Echte Amerikaner sind weiß. (Siehe Buchrezension: Am Scheideweg, Kap. 5, ab S. 155: Weißer christlicher Nationalismus)

Spezielle Ursachen sind

die Themen: Abtreibung, Homosexualität, Israel. Alle drei Problembereiche sind bei bibeltreuen Christen in höchstem Maße emotional besetzt. Gefühlt geht es um Leben oder Tod, Untergang oder Fortbestand, ja, um das Ende der Welt. Und da ist nun ein Präsident, der beim Marsch für das Leben auftaucht. Der die Botschaft seines Landes in Israel nach Jerusalem verlegt. Der sich zwar nach außen hin als Freund der Homosexuellen gibt, aber es ihnen in juristischen Fragen eher schwer macht.- Ist nicht jede Obrigkeit von Gott eingesetzt? Ist Trump nicht, wie zur Zeit des Alten Testamentes, ein zwar heidnischer, aber von Gott auserwählter Herrscher, vergleichbar dem babylonischen König Kyros? Deshalb spielt es keine Rolle, welche Sünden er begeht, wo er versagt, wo er über Leichen geht (Corona-Pandemie). Nur er kann für konservative Richter am Obersten Gerichtshof sorgen. Nur er kann die Werte sichern, die den Evangelikalen über alles gehen. Wer das biblische Buch, die Offenbarung des Johannes, als Prophezeiung über den Ablauf der Endzeit versteht, wird Präsident Trump darin eine ganz konkrete Rolle zuschreiben. Diese Art von Biblizismus hält Christen in einem System gefangen. Ihre Gedanken und Gefühle sind besetzt, immunisiert gegen Argumente und Fakten. Dadurch haben sie bei einer Wahl keine Wahl. Trump zu wählen ist eine innere zwingende Notwendigkeit. Sie müssen so wählen, weil sie sich sonst schuldig machen, sich an Gott versündigen. Sie würden von ihrem schlechten Gewissen gepeinigt. Sie müssten Gottes Strafe fürchten. Den Niedergang ihrer Nation sowieso.

Für den, der die Macht eines religiösen Fundamentalismus von innen her begreift, bleibt die Wahlentscheidung vieler Evangelikaler kein Rätsel mehr.

Nachsatz:

Es würde mich freuen, wenn Sie, lieber Leser, einen Kommentar zu meinen Überlegungen schreiben. Vielleicht hat auch jemand Erfahrungen oder Ideen wie Christen aus einem biblizistischem Systemglauben herausfinden und in eine lebendige Christusbeziehung heineinfinden können.

H.S. Okt. 2020

Kindesmissbrauch

Konkreter: sexualisierte Gewalt an Kindern

Der Missbrauchskomplex von Bergisch-Gladbach ist für mich der Auslöser zu dieser Kolumne. Ein Vater missbraucht seine kleine Tochter und seine Stieftöchter, filmt das und gibt es im Internet weiter. Die Ermittler stoßen auf Spuren, die zu möglicherweise mehr als 30000 Verdächtigen führen könnten.

Grausam. Entsetzlich. Unfassbar. Ich spüre eine gewaltige Wut und eine lähmende Ohnmacht in mir, wenn ich an diese Gewalt, diese Qual, diese körperliche und seelische Grausamkeit denke.

Ich habe jetzt nicht vor, diese Problematik umfassend zu beleuchten. Mein Augenmerk richtet sich auf einen gesellschaftlichen Aspekt. Ich frage: Gibt es gesellschaftliche Trends, die Kinderpornografie begünstigen oder fördern?

Beispiel: Wenn viele Menschen Pornografie für normal und unbedenklich halten, vielleicht sogar als Anregung für ihre Erregung verstehen, könnten das Personen mit pädophiler Ausrichtung als Legitimierung empfinden, mit der sie eigene Hemmungen und Schuldgefühle beiseite schieben? Wenn denen das zusteht, wieso uns nicht? Wenn Millionen Menschen Filme anschauen und Bücher lesen, die sadistisch-masochistische Praktiken als Unterhaltung anbieten, dann ist das ein Umfeld und Nährboden, in dem auch Kinderpornografie und Kindesmissbrauch ausgezeichnet gedeihen kann. Wieso können Menschen sich ohne inneres Tabu daran ergötzen, dass sexuelle Lust mit Gewalt, Qual und Schmerz in Verbindung gebracht wird? Hängt das damit zusammen, das übermäßige Stimulierung zur Abstumpfung führt, dass deshalb nur stärkere Reize noch Anreiz bieten? Es gibt Psychologen, die vorausgesagt haben: Der Reiz des Sexuellen wird durch Überreizung abstumpfen und dann durch Gewalt ergänzt oder ersetzt werden. Eine Prophezeiung, die sich in schrecklicher Weise in unserer Zeit erfüllt. Hat nicht Sigmund Freud schon gesagt: Die Zerstörung der Scham bewirkt eine Enthemmung auf allen anderen Gebieten, eine Brutalität und Missachtung der Persönlichkeit des Mitmenschen!?

Wenn der Chef der Kriminalpolizeiinspektion Rostock, Rogan Liebmann, meint: Die Kinderpornografie sei zu einem Massenphänomen im Verborgenen des Internets geworden. „Aber die Gesellschaft will davon nichts wissen.“, könnte das nicht gerade daran liegen, weil man sich dann das eigene Versagen, die eigene Schamlosigkeit eingestehen müsste? Große Sorgen macht den Ermittlern das Sexting – das unbekümmerte Versenden von Nacktbildern, die Jugendliche von sich selbst anfertigen. Wer hat sie darauf gebracht? Warum gilt das als cool? Wenn alles normal ist, ist nichts mehr normal! Mir fällt dazu das Bibelwort ein: „Macht euch nichts vor! >Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten<.“ (1. Korinther 15,33) Und ich denke an manch kurze Gespräche mit folgender Tendenz: Das ist doch nicht so schlimm. Das machen doch alle. Für mich ist diese verharmlosende Gleichgültigkeit der Nährboden, in dem ausufernde Sexual- und Gewaltfantasien ungehindert gedeihen können. Dabei ist besonders erschreckend, dass oftmals die Personen und Institutionen, die die Gewissen der Menschen schärfen sollten, versagt und selbst ungeheure Schuld auf sich geladen haben. Die Kirche und ihr Umgang mit dem Kindesmissbrauch war und ist noch immer ein großer Skandal. Gesellschaftlich gesehen hat sich vielfach die Einstellung durchgesetzt: Ich habe das Recht auf die Befriedigung meiner Lust. Das zählt. Rücksichtnahme, Verzicht, geschweige denn Verbot, sind nicht gefragt. Keiner wagt mehr, Grenzen aufzuzeigen. Und die digitale Vernetzung lässt jeden Widerstand aussichtslos erscheinen.

Neuere Studien zeigen auf, dass Therapien straffällig gewordener Pädophiler die Rückfallwahrscheinlichkeit um etwa 12 bis 17 Prozent zu senken vermögen. Doch bleibt die Rückfallquote vergleichsweise hoch. Um wie viele Prozente könnten wir diese Quote verbessern, wenn wir selbst Grenzen achten, die Problematik mit anderen ansprechen und selbst deutlich Stellung beziehen? Es geht um unsere Kinder: um ihr Leben, um ihre körperliche und seelische Gesundheit, um Traumata, die vermieden werden könnten.

Es schmerzt mich, wenn Kinder leiden. Ich werde wieder zum Kind und empfinde wahnsinnige Ohnmacht, Hilflosigkeit, Entsetzen. Aber ich bin jetzt erwachsen. Ich kann Haltung bewahren und damit ein Halt setzen und einen Halt geben. Wir können mehr tun, als Informationen aufzunehmen. Wir können aus dem Schreien der Kinder einen Aufschrei in unserer Gesellschaft machen.

H.S. September 2020

Covid-19 / Corona-Virus – Überlegungen eines Christen – im Sommer 2020

Ein neuer Mensch wird geboren. Plötzlich ist etwas da, das vorher nicht da war. Ein Wunder.- Es gab Covid-19 bis dahin nicht. Plötzlich ist das Virus da. Eine Katastrophe. Wie kommt es ins Dasein? Durch Mutation? Hat sich ein bekanntes Virus spontan verändert? Wohl möglich. Aber der Vorgang hinterlässt die bekannten Fragen. Warum hat das Virus sich verändert? Warum so und nicht anders? Warum jetzt und nicht sonstwann? Schon sind wir mitten in der Grundsatzdebatte: Schöpfung oder Zufall? Wer oder was bewirkt das etwas ist, dass nicht nichts ist? Für den, der an Gott glaubt, folgt jetzt die Frage: Von Gott bewirkt? Von Gott zugelassen? Womöglich eine Strafe Gottes? Ich wage die These: Gott hat dieses Virus nicht gewollt! Wie Gott überhaupt Krankheit und Behinderung, Leid und Tod nicht gewollt hat. Die Israeliten waren schon in alter Zeit davon überzeugt, dass Gott die Welt gut gemacht hat. Das Resümee der ersten Schöpfungserzählung wird 1. Mose 1,31 gezogen: „Gott sah alles an, was er geschaffen hatte, und sah: Es war alles sehr gut.“ Die Sündenfallgeschichte deutet anschließend Mühsal und Leid, Krankheit und Tod, als Folge einer gestörten Beziehung des Menschen zu Gott. Ein Mensch, der selbst sein will wie Gott, wird Gott los, gottlos. Das, was dem Leben an sich fremd ist, das, was das Leben begrenzt und zerstört, versteht der Glaubende als Auswirkung der Entfremdung des Menschen von Gott. Doch auch der, der alles mit dem Stichwort „Zufall“ deutet, muss mit dem leben, was ihm eben zufällt. Das Virus kann jeden treffen. Es ist eine reale Bedrohung. Gott bedroht uns nicht. Er steht an unserer Seite. Schon die Psalmbeter hatten in ihren Herzen die Einladung Gottes vernommen: „Rufe mich an in der Not, dann will ich dich erretten, und du sollst mich preisen.“ (Psalm 50,15)

Doch sie kennen auch die Zweifel. Bewahrt Gott? Heilt Gott? Rettet er? Die Statistik spricht eine klare Sprache. Sie sagt uns, wie viele infiziert sind, wie viele genesen sind, wie viele gestorben sind. Gefährdet sind hauptsächlich alte Menschen und Personen mit Vorerkrankungen. Ausnahmen kommen vor. Dass ein junger Mensch stirbt, einer, der kerngesund war. Wer bestimmt, wen es trifft? Wer bestimmt, wie die Krankheit verläuft und wer stirbt? Unser Leben liegt letztlich nicht in unser Hand. Das wird sehr deutlich. Wir können den Verlauf der Pandemie beeinflussen. Jeder von uns kann Leben retten. Viele von uns dadurch, dass sie Distanz wahren. Andere dadurch, dass sie aktiv helfen, medizinisch eingreifen, bis hin zu Intensivmaßnahmen. Doch auch Ärzte sind keine Götter. Sie können den Tod Einzelner nicht verhindern. Sie könnten hier und da mehr Menschen retten, wenn sie mehr Beatmungsgeräte, mehr medizinische Kapazität zur Verfügung hätten. Bleibt wieder nur der Zufall als Erklärung, wer verschont bleibt und ´wer dran glauben muss`? Juden und Christen kennen das Bekenntnis des Gläubigen: „Meine Zeit steht in deinen Händen.“ (Psalm 31,16) Soll das heißen, dass Gott eine lange Liste hat, auf der die Namen derer stehen, die dieser Pandemie zum Opfer fallen? Bestimmt er selbst den Zeitpunkt, an dem jemand stirbt, oder überlässt er es dem Kampf zwischen den Überlebenskräften des Einzelnen und den Chaosmächten dieser Welt? Wer eine übernatürliche Einordnung ablehnt, wird sich damit abfinden (müssen), dass sein Leben endlich ist, dass es jederzeit zu Ende sein kann, auf jeden Fall aber über kurz oder lang zu Ende ist. Wer sich bei Gott geborgen fühlt, in Ihm sein Zuhause hat, versteht den Tod als einen Umzug. Er kennt den Termin nicht. Aber jeder Zeitpunkt ist für ihn Gottes Termin. Gott holt uns zu sich. Bei allem Schrecken, bei Angst, bei Schmerzen, in allem Abschiedsschmerz, lebt in seinem Herzen eine unsichtbare Wirklichkeit. Sie spiegelt sich wider in den Worten: „Du bist Gott, unser Gott, die Zuflucht für und für. Dir leben wir, dir sterben wir, wir gehen von dir zu dir.“ (Aus dem Liederbuch „Feiern & Loben“ Nr. 448: „Noch ehe die Sonne am Himmel stand“)

Für alle, die nicht erkranken, und für alle, die wieder gesunden, wird diese Pandemie lang andauernde soziale und wirtschaftliche Folgen haben. Dabei stehen Existenzsorgen im Vordergrund. Das von der Bundesregierung beschlossene gigantische Hilfspaket macht es deutlich. Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Firmen gehen in den Konkurs. Soziale Einrichtungen müssen schließen. Wenn die unmittelbare Gefährdung des Lebens abnimmt, beginnt die eigentliche Not. Die Verbreitung des Virus zeigt eine unumkehrbare globale Vernetzung. Wir Menschen tragen das Virus von hier nach dort, aus einem Land in ein anderes. Karneval und Konferenzen, Torjubel und Tourismus, trugen das Virus in alle Welt. Wird nun umgekehrt unsere Reaktion darauf weltweite Solidarität sein? Führt die weltweite Krise zu mehr Egoismus und Abschottung oder zu mehr Gemeinsinn und Nächstenliebe? Verstehen wir endlich: Wir sind eine Welt. Jeder Mensch zählt. Jedes Volk zählt. Wir brauchen einander! Wir schließen jetzt die Grenzen, um das Virus zu begrenzen. Wir bleiben Zuhause, um andere vor uns zu schützen. Aber danach … und das danach wird kommen: Lasst uns grenzenlos lieben! Grenzzäune abbauen, Mauern niederreißen. Nationalismus ist Sünde! Rassismus erst recht! Gott liebt diese Welt. Die ganze Welt. Das Virus treibt uns zum Aufbruch, zu einer neuen Geisteshaltung. Dabei geht es nicht darum, wirtschaftliche Interessen weltweit durchzusetzen, sondern mit Märkten, Gütern und Finanzen so umzugehen, dass sie zur Überwindung der Armut, zum Überleben aller, beitragen. Als Christ verstehe ich das Corona-Virus nicht als eine Strafe Gottes. Ich nehme es als ein Zeichen! Gott liebt diese Welt. Nicht mehr und nicht weniger erwartet er von uns!

H.S. Juli 2020

4 Kommentare zu „Kolumnen

  1. Lieber Helmut,

    ich beginne meine Erklärungsversuche für die evangelikalen Trump-Wähler einmal mit einer Anekdote aus meinem Leben nämlich einer durchtanzten Disko-Nacht im Jahre 2019. Meine Leidenschaft gilt der Reggae Musik also besuchte ich einen Club, um mit Gleichgesinnten eine tolle Party zu feiern. In der Mitte der Nacht füllte sich der Club mit enthusiastischen Partygästen und der „Vibe“ sprengte alle Grenzen. Alles war fröhlich und ausgelassen. Durch die Boxen hämmerte ein Dancehall Riddim (Raggamuffin) nämlich das Lied „Murder She Wrote“ von Chaka Demus & Pliers aus dem Jahre 1992. Das war mir aus meiner Jugend noch bekannt und ich freute mich, dass die jungen Partygäste dazu tanzten. So fröhlich dieser karibische Rhythmus auch erscheinen mag, so verbirgt sich dahinter doch eine ernsthafte Botschaft nämlich die Geschichte von einem Mädchen Namens „Maxim“ mit einem hübschen Gesicht aber einem bösen Charakter oder auch „pretty face but bad character“ wie es im jamaikanischen Patois vorgetragen wird, d.h. einem wunderschönen Mädchen was sich die Jungs angelt und dann schwanger wird und anschließend abreibt. Das verurteilen die Interpreten in ihrem Song sehr scharf. Der Reggae ist stark beeinflusst vom Rastafari Glauben einer abrahamitischen monotheistischen Religion, die sich aus dem Christentum hervorging. Sie bezieht sich auf die Bibel und lehrt die Göttlichkeit von Haile Selassie I dem letzten Kaiser von Äthiopien. Daher verurteilt sie Abtreibung, Homosexualität und außerehelichen Geschlechtsverkehr. So wie auch Trump ein entschiedener Abtreibungsgegner ist! In diesem Punkt hat er viel für die Evangelikalen getan! Nur in einem Punkt sollte er etwas von den Rastas lernen nämlich das wir alle EINS sind. „One Love“ wie es in dem Lied von Bob Marley heißt. Die Botschaft vom Frieden zwischen den Rassen – schwarz und weiß – so wie auch Bob Marley selbst eine schwarze Mutter und einen weißen Vater gehabt hat. In diesem Sinne…

    Love and peace

    Stefan

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    1. Dass Trump ein entschiedener Abtreibungsgegner sein soll, nehme ich diesem Verbrecher einfach nicht ab! Das ist reine Wahlpropaganda. Trump ist ein bigotter Mensch, dem Menschenleben nichts bedeuten. Seine Haltung in der Corona-Pandemie spricht doch Bände!

      Gefällt 1 Person

  2. Was ich noch schreiben wollte:
    Trump hat die christliche Botschaft für seine Zwecke instrumentalisiert. Anders als Martin Luther King, der sich in seiner denkwürdigen Rede 1963 nicht nur auf die Verfassung, sondern auch auf die Bibel berief und damit das Bild von Wahrheit, die Übereinstimmung von Leben, Wort und Tat transportierte, trampelt der Zyniker im Weißen Haus auf der Bibel herum und verkehrt sie ins Gegenteil, zerstört die Wahrheit.
    George Bernard Shaw soll einmal gesagt haben: „Man nennt mich allenthalben einen Meister der Ironie, aber auf die Idee, ausgerechnet im Hafen von New York eine Freiheitsstatue zu errichten, wäre nicht einmal ich gekommen.“ Seine Ironie war schon damals bitter. Und ist heute bitterer denn je.
    Hoffen wir, dass die Amerikaner endlich aus der Geschichte lernen.
    (Quelle: Christian Nürnberger, Publizist)

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  3. Lieber Helmut,

    momentan habe ich viel Zeit. Am 01.11. wurden Petra und ich positiv auf das Corona-Virus getestet. Noch bis Mitte November wurde uns seitens des Gesundheitsamtes Beschäftigungsverbot erteilt. Wir sind in Quarantäne und dürfen unsere Wohnung nicht verlassen. Glücklicherweise haben wir einen milden Verlauf mit normalen Erkältungssymptomen und sind soweit ok! Die letzte Woche habe ich natürlich die US-Wahl verfolgt, und mit Interesse Deinen Beitrag zu Trump gelesen. Ja, Du hast Recht und es macht mich betroffen, wie unreflektiert Evangelikale in den USA einem solchen Menschen ihre Stimme geben konnten.
    Überhaupt macht es mich fassungslos, wie die USA ihre angeblichen Demokratiewerte schon immer verkauft haben. Die USA waren nie eine Demokratie. Als 1788 die Verfassung verabschiedet wurde, war das ein fauler Kompromiss des Nordens mit den Sklavenhaltern der Südstaaten. Schwarze wurden als Drei-Fünftel-Menschen gezählt – natürlich nicht damit sie wählen konnten, sondern damit der Süden mehr Abgeordnete in den Kongress entsenden konnte. Das hat das Land vergiftet – bis heute.
    Das System wurde so gebaut, dass es keine Demokratie sein konnte. Das Electoral College, das Wahlmännerkollegium, bevorteilt kleine Bundesstaaten und sorgt heute dafür, dass die Minderheit die Mehrheit regiert. Al Gore und Hillary Clinton verloren Wahlen, die sie nach absoluter Stimmenzahl gewonnen hatten. So kann ein Land nicht regiert werden. Und auch nicht mit einem Senat, in dem zwei Senatoren aus Wyoming – 580.000 Einwohner – genauso viel Macht haben wie zwei Senatoren aus Kalifornien, wo fast 40 Mio. Menschen leben. Das ganze System ist schief (Quelle: Paul Auster, New Yorker Schriftsteller).
    Was mich als Christ umtreibt, ist die politische Verantwortung, die ich habe. Es erinnert mich an meinen Großvater, der in der Zeit des Nationalsozialismus klare Kante zeigte, und dafür sein Leben und das seiner Familie riskierte. In seinem Pass stand: „Politisch nicht einwandfrei“, was ihm drei Monate Haft im KZ Osthofen einbrachte. Auch nach dem Krieg galt er als Querulant und Judenfreund (er versteckte die jüdische Mutter seines Arbeitgebers vor den Nazis) vor allem unter katholischen Kirchgängern (die Bezeichnung Christen vermeide ich an dieser Stelle), die treu und brav sonntags in den Gottesdienst gingen, und CDU wählten.

    Beste Grüße
    Norbert

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