Wenn die Psyche sich weigert zu glauben …

Es kann nicht sein, dass Christen mehr Probleme damit haben, dass ihnen Krankheit und Leid widerfährt, dass sie Misshandlung und Grausamkeit an sich selbst oder an anderen erleben, als Menschen, die nicht an Gott glauben. Da stimmt irgendetwas nicht im System.

Es ist weder die Regel, dass Gott psychische Befindlichkeiten unmittelbar verändert, noch trifft das auf körperliche Krankheiten zu. Das heißt: Ob Christ oder nicht: Jeder muss sich den Realitäten dieser Welt stellen. Jeder muss versuchen, damit fertig zu werden, möglichst sinnvoll damit umzugehen, möglichst konstruktiv und positiv darauf zu reagieren. Resilienz ist dazu das Modewort, ein Therapieansatz unserer Zeit. Es geht dabei um psychische Widerstandskraft; die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Wenn ich mich dann zusätzlich zu dem eigentlichen Problem noch damit beschäftige, ob Gott dass gewollt, zugelassen oder veranlasst hat, ob es eine Strafe sei oder eine Prüfung, warum Gott das nicht verhindert hat, dann lade ich mir zu der drückenden Bürde noch weitere Lasten auf.

Meines Erachtens scheitern manche Christen deshalb, weil sie unrealistische Erwartungen an Gott haben. Ihr Glaube ist psychisch verankert. Werden die Enttäuschungen zu groß oder halten sie zu lange an, wird der Glaube als unwirksam erlebt und verliert für den Betreffenden seine Bedeutung. So kann ein Burnout zum Aus für den Glauben werden. Ein Dauerkonflikt, eine chronische Krankheit, eine permanente Konfrontation mit Leid kann uns seelisch überfordern. Bei manchen Christen wirkt sich das so aus, dass sie nicht mehr glauben können.

Unbedingt erforderlich ist deshalb, geistliche Wirklichkeiten und psychische Befindlichkeiten strikt zu unterscheiden. Sonst besteht stets die Gefahr des Scheiterns. Ob jemand Tabletten nimmt gegen körperliche Gebrechen oder zur seelischen Stabilisierung, ist keine Frage von schwachem oder starkem Glauben, sondern eine medizinische bzw. therapeutische Frage.

Zwar wird sich in der Regel die geistliche Wirklichkeit auf die psychische Befindlichkeit auswirken. Aber nicht immer ist das der Fall. Und wenn es der Fall ist, ist das nicht immer positiv. Es gibt den krankmachenden Glauben. Es gibt, Gott sei Dank, auch den heilenden Glauben und Glaubensheilungen.

Gottes Existenz und unser Glaube an Ihn kann nicht abhängig sein von unserem Erleben und unseren Erfahrungen. Gott ist! Und: Gott ist da! Gott, der von sich sagt: Ich bin, der ich bin! (2. Mose 3,14) begegnet, wirkt Glauben, hält uns und hält zu uns, vollendet uns. Das müssen wir nicht machen. Konzentrieren wir uns darauf, unser Leben zu bewältigen. Helfen wir anderen dabei, ihr Leben zu bewältigen. Gott ist so anders, so unbegreiflich, manchmal so nah, bewegend spürbar, manchmal so unendlich fern, als gäbe es ihn nicht. Der Beter des Psalms 139 hatte das schon erkannt: „Aber wie schwer sind für mich, Gott, deine Gedanken! Wie ist ihre Summe so groß! Wollte ich sie zählen, so wären sie mehr als der Sand. Am Ende bin ich noch immer bei Dir.“ (139,17+18)

Allen Lesern/Leserinnen wünsche ich ein gutes, gesundes, erfüllendes Neues Jahr 2022.
Zum Einstieg diese neue Kolumne, verbunden mit herzlichen Grüßen und Segenswünschen.

Helmut Schwarze
07.01.2022

8 Kommentare zu „Wenn die Psyche sich weigert zu glauben …

  1. Moin
    Das ist tröstend, sich nicht mit allen Problemen zusätzlich beschäftigen zu müssen. Gott wird es richten, aber wie? Das steht allein in seiner Macht. Und – wie Du schreibst – muss ich mich nicht alteingesessen fühlen, wenn ich krank oder hinfällig werde. Trotzdem ist das eine schwierige Situation. Aber sie ist besser zu bewältigen, wenn ich Gotte vertraue und auf das viele Gute zurück blicke.
    Liebe Grüße
    Karl-Heinz

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