Widersprüchlich

Mir fällt auf, dass manche Gemeindemitglieder nicht namentlich in einem Gemeindeverzeichnis aufgeführt werden wollen. Warum nicht? Sie gehören doch dazu!

Befürchten sie, dass andere Zeiten kommen? Vielleicht eine Christenverfolgung? Oder ängstigt sie der Gedanke, auf eine Todesliste islamistischer Fanatiker zu geraten? Oder ist es eine diffuse Angst vor Datenmissbrauch? Jedenfalls ist es eine vorbeugende Vermeidungshaltung, um mögliche Nachteile auszuschließen.

Warum gehen nur wenige freikirchliche Christen auf Demonstrationen? Weil diese ausarten können? Weil es möglicherweise zu Gewalt kommt? Oder weil das eigene Anliegen von linken oder rechten Gruppierungen missbraucht werden könnte? Oder haben sie den Eindruck: Das nützt sowieso nichts.

Überhaupt sind öffentliche Stellungnahmen oder Proteste aus unseren Reihen selten. Eine Gemeinde könnte doch z.B. eine Mahnwand herstellen, auf der alle antisemitischen Vorfälle in Deutschland eingetragen werden. Es könnte Stellungnahmen auf der Homepage der Gemeinde geben. Oder in den sozialen Netzwerken. Auch eine Fackelnacht zur Problematik: Black Lives Matter (Schwarze Leben zählen) wäre möglich. Doch nichts davon geschieht. Man kann sich freuen, wenn aktuelle Ereignisse in das sonntägliche Fürbittengebet aufgenommen werden.

Ich habe den Eindruck, dass freikirchliche Christen eher eine Hasenmentalität kennzeichnet, als Löweneigenschaften. Angsthasen! In der Bibel ist von Hasen zwar wenig zu lesen. Löwen kommen dafür an über zwanzig Stellen vor. Jesus Christus ist Lamm und Löwe zugleich. Wo sind die Menschen mit Löwenmut?

Sie scheint es in säkularen Kreisen eher zu geben, als in christlichen. Die Menschen, die in Hongkong, Belarus oder Myanmar auf die Straße gehen, riskieren viel, wenn es um Mitbestimmung und Freiheitsrechte geht.

Fromme Menschen meinen:
Wer Gott fürchtet, verliert alle Menschenfurcht. Da mag etwas dran sein. Durchgängig stimmt es aber nicht. Jedenfalls trifft es auf etliche, die sich für fromm halten, nicht zu. Da gibt es viele Ängstliche, viele Bedenkenträger. Was könnte passieren, wenn … Was könnte man in der Öffentlichkeit über uns denken … Bloß nichts falsch machen. Deshalb bekommt auch jeder, der sich vorwagt, gleich eines auf den Deckel. Er wird gedeckelt. Sein Elan wird gezähmt. Ist die Gemeinde eine Ansammlung zahmer Kuscheltiere? Was würde geschehen, wenn Mutmenschen in der Überzahl wären und das Zepter in die Hand nehmen würden? Wo sind unter uns die Glaubenshelden, wie sie Hebräer 11 aufgezählt werden? Die wie Mose vorangehen. Von ihm heißt es: Er hielt sich an den, den er nicht sah, als sähe er ihn. (11,27)

Etwas wagen – experimentieren – ausprobieren – ein Risiko eingehen. Was ist denn nun mit Glaubenswagnissen? Petrus wagt es, auf dem Wasser zu gehen.

Die Corona-Pandemie fördert Ängstlichkeit. Überall sollen wir uns vorsehen. Distanz halten. Uns regelkonform verhalten. Bleibt Zuhause! Wenn wir das verinnerlichen, dürfen wir uns nicht wundern, wenn ehemalige treue Gottesdienstbesucher auch dann noch Zuhause bleiben, wenn Präsenz-gottesdienste wieder die Regel sind.

Nun kann ich als pensionierter Pastor gut reden. Ich sehe mich selbst nicht als Held. Aber ein Ermutiger möchte ich sein. Wie es wohl schon in meinem Namen steckt: Helmut = Heller Mut. Jahrelang habe ich Briefe für die Freilassung religiös oder politisch Verfolgter geschrieben. Und ich war fantasievoll genug, dass mir die Frage kam: Hat mich jetzt der Geheimdienst dieses Landes auf dem Radar? Ab und zu habe ich erlebt, dass ein Gefangener, für den viele andere und auch ich sich eingesetzt hatten, frei kam. Eine große Freude. Hin und wieder war ich auf einer Demonstration. Gegen Atomkraft. Gegen Fluglärm. Für Jesus, auf sogenannten Jesusmärschen. Als Jugendlicher bin ich so mit vielen anderen über die Reeperbahn gezogen. Aber als leuchtendes Vorbild kann ich mich nicht präsentieren. Vielleicht als einer, der versucht, seine Ängste zu überwinden, aktiv zu werden, sich auch öffentlich zu äußern. Ich wundere mich, dass ich noch nie gehört habe, dass eine Gemeinde sich mit einer Stellungnahme an den Petitionsausschuss des Bundestages gewandt hat. Als Studenten während meiner Ausbildung war uns diese Möglichkeit geläufig. Und wir haben sie genutzt.

Worte der Bibel motivieren mich. Das Wort Jesu erscheint mir so hart, dass ich es nur schwer aushalte und überlegt habe, ob ich es zitieren soll. Doch wenn ich iranische Christen berichten höre, wenn sie erzählen, warum sie aus ihrer Heimat geflüchtet sind, dann merke ich: Hier geht es um eine tiefere Wirklichkeit, eine Realität, die wir nicht ausblenden dürfen. Wer von Gott überwältigt ist, wer in Jesus das Heil gefunden hat, der will das um keinen Preis wieder aufgeben. Der geht aufs Ganze; selbst auf die Gefahr hin, das Leben zu verlieren. Er weiß von dem wahren Leben, der inneren Zugehörigkeit zu Gott, dem ewigen Leben.

Deshalb motivieren mich die nachstehenden Bibelworte:
5. Mose 1,29
Ich sprach euch Mut zu und sagte: Habt doch keine Angst vor ihnen! (Gute Nachricht Bibel)
Sprüche 29,25
Die Menschen zu fürchten ist eine gefährliche Falle, wer aber auf den Herrn vertraut, lebt unter seinem Schutz. (Neues Leben Bibel)
Matthäus 10,28
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann! (Einheitsübersetzung)

Ich möchte diese Worte beherzigen. Ich möchte den Widerspruch in mir überwinden, dass ich es nicht immer schaffe, so zu handeln, wie ich es an sich möchte.

18. April 2021
Helmut Schwarze

12 Kommentare zu „Widersprüchlich

  1. Moin
    Ein gewaltiger Text. Ich habe mich hinterfragt und gestehe ein, mich so zu verhalten, wie Du es festgestellt hast. Ich werde mich und
    mein Verhalten einmal überprüfen. Ich möchte mich allerdings nicht für etwas einsetzen, nur um Flagge zu zeigen. Ich setze mich bereits für einige soziale Projekte ein, die mich begeistern können.
    Aber danke für den Weckruf
    Liebe Grüße
    Karl-Heinz

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  2. LIeber Helmut,

    mir kommt es auch so vor, als ob christliche Gemeinden – je ‚frommer‘ desto mehr – unpolitisch in ihrem eigenen Saft verharren.

    Die von Dir genannte Ängstlichkeit ist sicher ein wichtiger Faktor.

    Ich meine aber auch eine Welt-Fremdheit zu beobachten, die wichtige Dinge des Lebens und der Gesellschaft einfach regelhaft ausblendet. Wir gehören ja zu Christus, der Rest ist sowieso Gottes Sache. Und dann fällt der Einsatz für Nawalny, das Klima bzw. unseren Anteil am Verbrennen fossiler Rohstoffe, die ernsthafte sachliche und intellektuelle Auseinandersetzung mit der Coronakrise (Coronaleugner oder -verharmloser sind in freikirchlichen Gemeinden verbreitet anzutreffen), die sich immer weiter spreizende Schere zwischen Arm und Reich, die zunehmend diktatorische Führung großer Staaten – auch ganz in unserer Nähe (Ungarn, Türkei z.B.) – dieser Einsatz fällt aus oder bleibt ein Randthema im Fürbittengebet.

    Dein Blog über die Wähler Donald Trumps aus christlichen Gemeinden in den USA vor einem halben Jahr weist hin auf völlig fehlgeleitete Prioritäten, die den Frieden in der Welt gefährden (können).

    ‚Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung‘ – dieses Motto der christlichen Friedensbewegung scheint mir aktuell wie nie. Setzen wir uns dafür ein! Und zwar mit Kraft. Und mit Löw*innen-Mut!

    Ich bin gespannt auf Eure Kommentare und würde mich über jeden einzelnen freuen

    lg Gerdt

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    1. Lieber Gerdt, vielen Dank für Deinen knackigen Kommentar. Die „Welt-Fremdheit“ ist ein wichtiger Hinweis. Liegt die Realitätsverweigerung daran, dass man Schmerz/Leid vermeiden möchte? Ich bin froh, dass der Kommentar von Horst Gabriel aufzeigt, dass es auch andere Christen gibt, die sich konkret für die Lebens/Überlebensfragen einsetzen. Beste Grüße Helmut

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  3. Vielen Dank für die nachdenkenswerten Zeilen!
    Es gibt aber doch auch positive, mutmachende Beispiele: Etliche Kirchengemeinden (in aller Bescheidenheit: auch die EFG Am Döhrener Turm in Hannover) haben an ihrer Hauswand oder Kirchturm eine Rettungsweste hängen, als Symbol für eine rettende menschwürdige Flüchtlingspolitik.
    Auch gibt es Gemeinden, die sich an Petitionen beteiligen. So kürzlich der Arbeitskreis Weltverantwortung der EFG Am Döhrener Turm in Hannover zu dem Thema „Ökozidgesetz“ (siehe: https://buendnis-oekozidgesetz.de/ –> Siehe Logo in der 9. Zeile auf der Seite „Mitzeichnende Organisationen (87)“).
    LG
    Horst

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  4. Lieber Helmut, VIELEN DANK! Du sprichst mir aus der Seele und ich fühle mich ertappt. Gerne würde ich diese Kolumne drucken und in der Gemeinde verteilen. Ist dir das recht?

    Liebe Grüße, Heike

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    1. Mein Artikel kann jederzeit und wo immer verbreitet werden. Bitte mit meinem Namen und der Adresse meines Blogs. Ich wünsche Dir viele „Beweger“ und „Löwenmutige“ in der Gemeinde. LG Helmut

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  5. Danke, lieber Helmut für diesen morgendlichen ermutigenden Input. Ja, wir brauchen Löwen und Löwinnen, die mutig für das Gute einstehen. Die Krise macht ganz besonders bewusst, wo unsere Ängste sind. Aber sie gibt uns Gelegenheit, Überwinder zu werden, echt zu werden und die Möglichkeiten, die wir haben, anzupacken.
    Gestern antwortete jemand auf die Frage “ wie lange dauert diese Coronageschichte wohl noch“ ganz einfach – solange, bis du sie nicht mehr willst. Da liegt eben diese Selbstverantwortung drin, selber zu handeln für die Zukunft, die wir uns wünschen!
    Ich hoffe, dass nach der anfänglichen Depression doch bei vielen Menschen der Wunsch und die Kraft wächst, das umzusetzen, was sie sich schon immer gewünscht haben.
    Einen wunderbaren Tag wünsche ich dir!
    Brig

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    1. Liebe Brig, vielen Dank für Deine Stellungnahme, die ich voll und ganz teile. Und schön, dass Du die Löwinnen ins Spiel gebracht hast. Wenn ich die Naturfilme richtig erinnere, sind die viel aktiver und kooperativer als die Löwenmännchen. Beste Grüße Helmut

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